Dienstag, 1. Oktober 2013

Bekloppte Zusammenhänge

Gerade ist mir ein Heft von einer Kinderwoche in die Hände gekommen. Eine Freikirche im benachbarten Ort hat während den Sommerferien für eine Woche ein Kinderprogramm auf die Beine gestellt. Der Bibeltext, der die Kinder durch die Woche begleitete und offenbar in einer Art Predigt vertieft wurden, stammt aus dem Buch Rut. Folgendes findet sich auf der Seite für den ersten Tag.

16Aber Rut antwortete: "Dränge mich nicht, dich zu verlassen. Ich kehre nicht um, ich lasse dich nicht allein. Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. 17Wo du stirbst, da will auch ich sterben; dort will ich begraben werden. Der Zorn des Herrn soll mich treffen, wenn ich nicht Wort halte: Nur der Tod kann mich von dir trennen!"
Rut 1, 16-17

Darunter steht die Frage an das Kind: "Was bedeutet das für mich?"

Ich weiss nicht, was über diesen Text und drumherum erzählt wurde. Und ich bin mir bewusst, dass mit genügend Fantasie immer ein Zusammenhang hergestellt werden kann. Aber die Antwort auf die gestellte Frage ist eigentlich ganz einfach: Nichts. Dieser Text bedeutet schlicht und ergreifend nichts für mich und dich. Jedenfalls nicht in der Art, wie es die Kinderwochen-Leiter den Kindern wohl weismachen wollen.

Das Buch Rut ist die Geschichte einer Frau, die mit ihrer Schwiegermutter unterwegs ist, weil sowohl ihr eigener wie auch der Mann der Schwiegermutter gestorben sind. Die obigen Verse geben die Worte wieder, die Rut ihrer Schwiegermutter sagt, als diese sie in ihr eigenes Land zurück schicken will. Punkt.

Alles, was hier im übertragenen Sinn verstanden werden kann, ist genau so ernst zu nehmen, wie wenn jemand irgendwelche Lebensweisheiten aus einem x-beliebigen Roman entnimmt.

Ich find's eine Frechheit, wenn man dem Kind (6- bis 12jährige) weismachen will, dass man aus jedem Text der Bibel irgendetwas für das eigene Leben entnehmen kann oder gar sollte. Genau das suggeriert nämlich die den Versen folgende Frage "Was bedeutet das für mich?".

Noch abstruser wird's für den Leser, wenn er den Titel für diesen ersten Kinderwoche-Tag liest, unter dem dann eben diese Verse mit der seltsamen Frage stehen: Jesus ist mein Vorbil.

Was werden da eigentlich für bekloppte Zusammenhänge hergestellt zwischen Jesus, einem Text, zu dessen Zeit noch niemand etwas von Jesus wusste und der bereits erwähnten Abschlussfrage.

Ein krasses Beispiel dafür, wie man die Geschichten der Bibel drehen und wenden kann, bis sie irgendwie und irgendwo für das passen, was man eigentlich sagen will.

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