Dienstag, 5. November 2013

Wie gläubig sind die Gläubigen überhaupt noch?

Der niederländische Ex-Pfarrer Klaas Hendrikse erwähnt in seinem hier vorgestellten Buch mehrfach, dass so ziemlich alle Theologen und ein grosser Teil der Kirchengänger längst nicht mehr an einen Gott glauben, der im Sinne einer Person existiert. Seiner Meinung nach sind die Theologen längst Atheisten. Und die meisten Gläubigen auch.

Ich habe in 'meiner' evanglischen Freikirche einen kleinen Job, den ich fairerweise vor Monaten auf Ende 2013 gekündigt habe. Deshalb bin ich im Schnitt noch einmal pro Monat im Gottesdienst dabei. Obschon ich jeweils überhaupt keinen Bock habe, da hin zu gehen, versuche ich, das Beste daraus zu machen und beobachte halt die Leute, ihr Verhalten, ihre Aussagen etc.

Diesmal sind mir zwei Dinge aufgefallen. Es gab die Möglichkeit, nach vorne zu kommen und ein Erlebnis mit Gott zu erzählen. Ich liebe solche Momente. Sie bieten so hervorragend Gelegenheit, die verschiedenen Persönlichkeiten zu charakterisieren. Doch ich staune immer wieder, wie gross das Verlangen nach einem Mikrofon bei einigen Menschen sein muss.

Da ergreifen Leute das Wort, die völlig belangloses Zeug erlebt haben und irgendwie finden, dass das ein Wunder oder Geschenk Gottes sein könnte. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich diesmal nicht den Kopf geschüttelt habe während einige ihre Geschichten, bei uns Zeugnisse genannt, erzählten. Natürlich sind auch immer welche Stories im Stille des verlorenen und wieder gefundenen Schlüssels dabei.

Die Schlussfolgerung, dass das ein Wink Gottes war, kann noch so abstrus sein: Die Gemeinde dankt mit Applaus.

Selbsterklärend, dass nur Erfolgserlebnisse erzählt werden. Ich frage mich, warum man nie von denen hört, die für Heilung gebetet haben und der Vater letzten Monat an Krebs starb. Oder die für einen Job gebetet haben und seit einem Jahr trotzdem arbeitslos sind. Oder die seit Jahren für ein Kind beten und trotzdem nie schwanger werden. Aber schon klar, negative Erlebnisse würden das tolle Bild trüben. Und wenn's zu Gottes Plan gehört, kann ja alles zum Guten werden. Auch wenn wir's heute noch nicht verstehen.

Das zweite, das mir aufgefallen ist: Ich habe vor und nach dem Gottesdienst mit ein paar Leuten gesprochen. Gleichaltrige halt, die ich seit Jahren kenne, zu denen ein Stück weit eine Beziehung entstanden ist, auch wenn ich sie all die Jahre nur sonntags sah. Kein einziger hat auch nur ein Wort über die Predigt oder sonst etwas Frommes verloren. Alles andere war ein Thema: Job, Kinder, Motorrad, Ferien, Musik, Computer. Aber nichts, das auch nur etwas mit Religion oder dem Glauben zu tun hat.

Und wie mir das auffiel, habe ich mir überlegt, wie das denn mit der handvoll Freunde ist, die ich aus der Kirchenzeit habe und deren Freundschaft ich auch heute (und in Zukunft) pflege. Bis auf einen kann ich mich bei keinem einzigen daran erinnern, jemals über den Glauben, Gott, die Bibel oder die Kirche gesprochen zu haben. Irgendwie erstaunt mich das jetzt doch.

Hat der Herr Hendrikse recht? Sind sowieso schon die meisten Gläubigen gar nicht mehr gläubig? Oder sind sie einfach gleichgültig? Gehen sie sonntags zur Kirche, weil man das einfach so macht in ihrer Familie?

Das muss ich mal im Auge behalten und beim einen oder anderen Fall ansprechen.

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