Donnerstag, 5. Dezember 2013

Zeltmission

Früher war alles besser. Alles? Nein. Denn früher gab es noch diese Grossevangelisationen im riesigen Festzelt, bei denen eine volle Woche lang, Abend für Abend den Besuchern die christliche Heilsbotschaft vermittelt wurde. Beim ersten Mal (ja, ich war da als Christ, der ich war, mehrmals dabei) war ich fasziniert von der Grösse, der Technik, der Infrastruktur. Beim zweiten Mal haben mich die vorhersehbaren Vorträge und die schwülstig-kitschigen Bekehrungslieder beunruhigt.

Die Programmpunkte waren stets die selben: Vortrag, Musik/Singen, Gebet, Erlebnisberichte (je extremer, desto besser). Und am Ende der Aufruf, dass diejenigen, die Gott als Erlöser in ihr Leben lassen wollen, doch während dem nächsten Lied nach vorne kommen mögen. Das "nächste Lied" war dann meist mit melancholischer Melodie und "Nutz-die-Chance-es-könnte-die-letzte-sein"-Texten versehen. Und gerne wurde der Chorus auch zwei, drei, vier, fünf Mal gesungen. "Ich spüre, dass noch welche da sind, die zögern, lasst uns noch einmal singen". Ein Beispiel eines solchen Liedes findet sich in unten stehendem Video. Ich kann mich noch erinnern...

Ich hatte damals mehr als einmal festgestellt, dass emotional etwas abgeht. Der Gesang von mehreren Hundert Leuten kann schon mal Gänsehaut hervorrufen. Doch ist das dann Gottes Ruf oder einfach nur ein erklärbarer Effekt, den man z.B. auch dann hat, wenn ein einzelner mit toller Stimme was singt? Für mich ist der Fall klar: Ich hatte bei solchen Evangelisationen oder auch Andachten in Jugendgruppen nie eine emotionale Rührung in mir, die ich nicht auch anderswo in nicht-religiösem Zusammenhang beobachten konnte.

Aber es ist wohl unbestritten, dass die Kombination aus Erlebnisberichten, Angst-vor-Hölle-Predigten und die ganze emotionale Stimmung durch insbrünstigen Gesang durchaus ein Antrieb sein kann, etwas zu tun, was man sonst in nüchterner Umgebung nicht tun würde. Zum Beispiel eben, sich zu bekehren. Dass solche Bekehrungen dann eben auch häufig nur kurzen Effekt erzielten, zeigt die Tatsache, dass die veranstaltenden Kirchen trotz hundert oder mehr Bekehrungen kaum wuchsen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb man heute kaum mehr solche Zeltevangelisationen sieht.

Der Liedermacher und Pastor Jörg Swoboda findet das nicht gut.

Allein auf die persönliche Weitergabe der christlichen Botschaft zu setzen, habe sich nicht bewährt, weil viele Christen damit überfordert wären. Swoboda empfiehlt den Gemeinden, einen Freundeskreis aufzubauen und die persönlichen Kontakte in eine Evangelisation münden zu lassen. (Quelle: idea)

Dass die Missionstätigkeit durch Individuen nicht gleich effizient ist wie ein Event im Zelt, ist naheliegend, nur schon weil die emotional manipulierende Kraft der Musik fehlt. Aber vor allem, weil Otto Normalchrist rhetorisch und sprachlich nicht so ausgeklügelt daher kommt wie der Profi-Evangelist. Und vielleicht auch, weil halt doch ein Grossteil der Kirchengänger sich zwar Christ nennt, es dann aber doch nicht unbedingt als seine Aufgabe sieht, anderen davon zu erzählen. Das können andere besser, nicht?



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