Donnerstag, 6. März 2014

Wehe dir...

Wenn du mitmachst und die Regeln befolgst, geht es dir gut. Doch wehe dir, du versuchst dein eigenes Spiel zu spielen und befolgst nicht mehr meine Befehle; du wirst leiden ohne Ende und sterben.

Könnte aus jedem durchschnittlichen Mafia-Film stammen. Oder von einem Diktator in einer x-beliebigen Region. Oder vom Anführer einer kriminellen Jugend-Gang. Ebenso könnte ein römischer Herrscher seinem engeren Umfeld so gedroht haben.

Versprechen und Drohung. Auf der einen Seite lauter tolle Dinge versprechen und sich damit Gehorsam und Loyalität erkaufen, auf der anderen Seite mit Gewalt drohen, ist ein bewährtes Mittel, um die Leute um sich herum gefügig zu machen. Warum sollte ich riskieren, körperliche Gewalt zu erfahren, wenn ich nur mitspielen muss, um bei den Siegertypen zu sein?

Eine Loyalität, die unter Druck erzwungen wird, ist jedoch eine gespielte Loyalität, keine echte. Der Gehorsam ist sehr unmittelbar von den angebotenen Gefälligkeiten abhängig bzw. den angedrohten Strafen. Der Weg über Versprechungen und Drohungen geht demnach nur jemand, der sich die Loyalität der anderen nicht auf ehrlichem Weg sichern kann. Vielleicht jemand, der eigentlich nicht überzeugt, aber halt leider die Macht besitzt, zu strafen wen ihm beliebt.

Scheinbar zählt der Gott des Alten Testaments auch zu dieser Kategorie. Denn das gesamte (!) 26. Kapitel des Buches Levitikus handelt von diesem mafia-ähnlichen Spiel: Versprechen und Drohung. Segen und Fluch.

Was das Volk Israel alles versprochen erhält, wenn es Gott die Treue hält:

  • richtiges Wetter, guter Ernteertrag, viel Früchte an den Bäumen
  • reichlich zu essen, Sicherheit im Land, Frieden
  • keine wilden Tiere, keine feindlichen Soldaten
  • Israelitische Soldaten besiegen 20- und 100fache Überzahl an Feinden
  • viele Kinder und Essen im Überfluss
  • Gott wird unter ihnen wohnen und sich nie abwenden
Wenn sich die Israeliten allerdings nicht an die Weisungen des Herrn erhalten, kriegen Sie heftig eins auf die Mütze (ab Vers 14): 
  • schweres Unheil, Fieber, unheilbare Krankheit, Blindheit
  • Feinde werden ganze Ernte rauben
  • Feinde werden siegen und sie überallhin jagen
  • kein Regen, lange Dürre, keine Ernte und Früchte
  • wilde Tiere greifen an und fressen Kinder und Erwachsene
  • Krieg wird ausbrechen, Pest bricht aus, Gefangenschaft
  • Hungersnot, Kannibalismus,
  • Heiligtümer werden zerstört, ihre Leichen verrotten
  • Städte werden in Schutt und Asche gelegt
  • Kein Opfer wird mehr angenommen
  • Vertreibung in aller Herren Länder, ständige Angst vor Verfolgern
Die Israeliten waren in der Zeit, als diese Texte entstanden, vermutlich das Wüsten- und Nomadenleben gewohnt. Freude herrschte, wenn man wieder ein fruchtbares Tal oder eine Oase fand. Angst hatte man davon, wie es weiter geht, wenn man wieder weiter ziehen musste. Mühsam ging's über Tage und Wochen durch endlose Sandlandschaften, unter sengender Sonne und immer im Ungewissen, wann man seine Wasservorräte wieder auffüllen kann. So stelle ich mir das vor. 

Kein Wunder sind die Versprechungen allesamt so gestaltet, dass sie einfach wirken mussten. Genügend Regen, reiche Ernte, keine Bedrohung durch fremde Heere - das dürfte nur in den kühnsten Träumen des Nomadenvolkes Israel aufgetaucht sein. Solche göttlichen Versprechungen (die übrigens allesamt irdischer Natur waren, keine Rede von einem Leben im Jenseits im Paradies oder so) mussten einfach funktionieren. 

Gleiches gilt für die angedrohten Strafen: Auch hier nur weltliche Strafen, keine ewige gottlose Verdammnis, keine Hölle und dergleichen. Das war einfach noch nicht erfunden. Es gibt und gab Gebiete dieser Welt, die einen grossen Teil der Probleme des Volkes Israel nicht kannten: Dürre, Hungersnot, schlechte Ernte und dergleichen war nicht immer und überall eine Herausforderung. Doch hier, beim Volk Israel, das eigentlich immer noch irgendwie auf der Flucht war und eine Strafaktion von Ägypten fürchten musste, waren das omnipräsente Probleme, vor denen sich jeder fürchtete. 

Man hatte nicht einfach so ein gutes Leben, nein, dafür musste man hart arbeiten und sich gegen eine Vielzahl Schwierigkeiten behaupten. Krankheiten, Dürre oder feindliche Heere wurden mangels besseren Wissens vorbehaltlos als Strafen der Götter (oder des monotheistischen Gottes) angesehen, da gab es gar keine Zweifel. Deshalb brauchte sich Moses noch gar keine grossen überirdischen Geschichten einfallen lassen, um das Volk gefügig zu machen. Allein irdische Belohnungen und Strafen genügten als Motivation. 

Später hat sich das dann irgendwann geändert. Wenn man weiss, wie der Regen entsteht und woher Krankheiten kommen, kann man sie nicht mehr als Strafen Gottes anführen. Da braucht es andere Geschütze, am besten überirdische. Die lassen sich auch weniger überprüfen. Aber da kommen wir sicher noch dazu. Schliesslich bewegen wir uns immer noch ganz, ganz weit vorne in der Bibel. 

Würden die Belohnungen und Strafen hingegen tatsächlich von Gott (und nicht von Moses) kommen, müsste die Frage erlaubt sein, warum Gott nicht da schon von dem spricht, wovon er später durch Paulus ständig spricht: Himmel und Hölle, ewiges Leben und ewiger Tod. Für mich sind die Formulierungen und die Zusammenstellung der Segens- und Fluchliste ein klarer Hinweis darauf, dass Moses hier einfach alles zusammen getragen hat, was man sich damals so sehr wünschte und wovor man sich am meisten fürchtete. Fertig. 

Denn das alles liest sich schon sehr stark menschlich. Warum sollte Gott soviel Druck aufbauen und die Israeliten unter gröbster Gewaltandrohung zwingen, ihn zu akzeptieren? Warum, wenn ihm das so wichtig war, konnte er sich nicht auf eine Weise zeigen, die ein- für allemal klar stellte, worum's geht und wer er ist? Warum brauchte es Druck, warum war für die Israeliten trotz aller Wunder und Zeichen und Wolken und Feuersäulen nicht jeder Zweifel beiseite geräumt? Vielleicht weil es diese Wunder, Zeichen, Wolken und Feuersäulen nur in den Erzählungen, nicht aber in Wirklichkeit gab? 

Vielleicht suchen wir auch zu weit. In simplen Märchen sollen schliesslich auch mal Ungereimtheiten stehen bleiben dürfen. 

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