Donnerstag, 5. Juni 2014

Bileam und der arme Esel

Der Seher Bileam (4. Mose 22) ist offenbar der einzige biblische Prophet, der auch ausserhalb der Bibel Erwähnung findet. Der einzige! Und prompt decken sich die Erzählungen, die die Bibel liefert nicht mit dem überein, was durch archäologische Funde belegt ist. Dem gefundenen historischen Text nach war Bileam zwar so etwas wie ein Wahrsager, was sich früher vielleicht weitgehend mit dem Berufsbild Prophet deckte. Allerdings deutet einiges darauf hin, dass er aus jüdischer Sicht ein Heide war, der andere Götter verehrte und den relativ neuen jüdischen monotheistischen Gott vermutlich noch gar nicht kannte (siehe obigen Link).

So vermute ich mal, dass der grosse Bekanntheitsgrad von Bileam dazu verführte, ihn auch noch pro-jüdisch in die Geschichte einzubauen. Und weil man Herrn Bileam nicht zu grossartig zeigen wollte, schrieb man noch den Teil mit der störrischen Eselin, der ein Gesandter Gottes mit Schwert bewaffnet den Weg versperrt haben soll.

Natürlich hat sich mir beim Lesen auch die Frage gestellt, weshalb Gott ihm im Traum sagt, er solle zu Balak reisen und dann trotzdem wütend einen Engel den Weg versperren lässt. Klar, man kann die Meinung vertreten, Bileam hätte nach der ersten göttlichen Erscheinung wissen sollen, dass er nicht zu Balak reisen und das Volk Israel nicht verfluchen sollte. Allerdings gibt es ja auch genügend Geschichten im Alten Testament, in denen Gott seine Meinung z.T. drastisch geändert hat. Ganz so eindeutig kann das also nicht immer sein.

Da Bileam aber sehr wahrscheinlich den jüdischen Gott noch gar nicht kennen konnte und daher die Geschichte weitgehend auf Fantasie beruhen dürfte, spielt das keine weitere Rolle.

Mir tut einfach der Esel leid. Armer Kerl.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen