Sonntag, 20. Juli 2014

Gewalt gegen andere Völker: Ein Erklärungsversuch

1Hört, ihr Israeliten! Ihr werdet jetzt den Jordan überqueren und das Land auf der anderen Seite in Besitz nehmen. Ihr werdet Völker von dort vertreiben, die größer und mächtiger sind als ihr. Sie wohnen in gewaltigen Festungen mit himmelhohen Mauern. 2Unter ihnen ist auch ein mächtiges Volk von hoch gewachsenen Menschen, die Anakiter. Ihr wisst, dass man sagt: »Anakiter sind unbesiegbar!« 3Aber ihr werdet sehen, dass der Herr, euer Gott, vor euch herzieht und wie ein Feuer alles zerstört. Er besiegt diese Völker und gibt sie in eure Gewalt. Mit seiner Hilfe könnt ihr sie schnell vertreiben und vernichten. So hat er es euch versprochen. 
5. Mose 9, 1-3

Den in der Bibel geschilderten Eroberungsfeldzug des Volkes Israel stelle ich mal grundsätzlich in Frage, weil die Archäologie, im Gegensatz zu anderen in dieser Zeit stattgefundenen Ereignissen, herzlich wenige bis gar keine Belege dafür gefunden hat. Und es ist äusserst unwahrscheinlich, dass ein Auszug eines Millionenvolkes aus der Sklaverei in Ägypten oder die Vernichtung des ägyptischen Heeres in den Fluten des Meeres (oder so einiges anderes) in der ansonsten verhältnismässig gut dokumentierten Ära der Ägypter übersehen wurde.

Wenn wir aber davon ausgehen, dass die Bibel nicht aus phantastischen Legenden besteht, dann stellen sich sofort die nächsten Fragen. Zum Beispiel, warum Gott ein einzelnes Volk aus der Gesamtheit der indirekt durch ihn geschaffenen Menschheit auserwählen sollte um irgendwelche umständlichen Pläne zu erfüllen. Die gesamte Welt soll er in wenigen Tagen erschaffen haben, dass sein auserwähltes Volk aber ins verheissene Land kommt, dafür benötigt er dutzende von Jahren.

Um auf den obigen Text zurück zu kommen: Auch die Anakiter sind indirekt - wenn die Bibel wahr ist - Geschöpfe, die aus der Kreation von Gott stammen. Die Riesen sind ja gaaanz am Anfang mal erwähnt als Nachfahren der Engel-Mensch-Beziehungen. Dann wären die Anakiter ja vielleicht sogar noch etwas mehr als nur menschliche Wesen, hätten auch noch etwas engelhaftes in sich.

Ist es nicht seltsam, dass der Gott, der indirekt alle Menschen geschaffen hat, sich plötzlich gegen die meisten wendet um einigen wenigen ein angenehmeres Leben zu ermöglichen? Und die Anakiter sind ja nur eines von zahlreichen Beispielen, die Moses Gefolgschaft im Auftrag des Herrn nicht nur bekämpft und besiegt, sondern auch komplett ausgelöscht haben. Sagt sie, die Bibel.

Ich meine: So ziemlich jedes Volk bzw. jede Kultur hatte früher ihre eigenen Götter. Es liegt in der Natur der Sache, dass jeder den mächtigsten Gott hat. Wäre ja gelacht, wenn das, was andere Götter (angeblich) können, unser nicht auch könnte. Ein starker Glaube macht die Menschen ausserdem gefügiger und manipulierbarer, insbesondere in einer Zeit, in der zahlreiche Erkenntnisse, die wir heute als selbstverständlich sehen, noch vollkommen unbekannt waren.

Es war aber ganz klar, dass der eigene Gott nur dem eigenen Volk gut gestimmt war. Meine Feinde sind auch die Feinde meines Gottes. Die Nächstenliebe hat ihre Grenzen. Und daran, dass der Gott, der mit Adam und Eva angeblich den Grundstein der Menschheit setzte, auch indirekt der Schöpfer meiner Feinde ist, denkt im Blutrausch um Moses niemand.

Das Volk brauchte Platz, hatte aber selber keinen. Also musste es sich welchen holen. Und weil den keiner einfach so gibt, muss man eben Gewalt anwenden. Das führt zu gemischten Gefühlen, bestimmt lag auch immer wieder Angst in der Luft. Naive, aber halt doch wirkungsvolle Parolen mussten her. Man steigerte sich mit den Superlativen und unglaublichen Sagengeschichten über den eigenen Gott so sehr in Trance, dass man tatsächlich an die eigene Übermacht glaubte und zuversichtlich in den Krieg zog.

Das ist zwar nicht besonders vorbildlich und erfreulich, aber so machen diese Texte wenigstens einigermassen Sinn. Sieht man sie als historische und wahre Aussagen, tun sie das nämlich nicht.

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