Dienstag, 30. September 2014

Seltsame Umstände, falsche Bestrafung

Bei der Eroberung von Jericho bzw. des Beutezugs und anschliessender Vernichtung gab es eine Regel: Niemand durfte etwas von der Beute für sich nehmen und sich persönlich bereichern. Natürlich gab es mindestens einen, der dagegen verstiess und von dem berichtet die Bibel. Und so etwas bleibt nicht ohne Strafe!

Bei einem eigentlich ungefährlichen Streifzug wird ein kleines Heer der Israeliten in die Flucht geschlagen, obschon sie eigentlich hätten siegen müssen. Josua tritt verzweifelt vor den Herrn, der ihm dann den Grund für das Versagen nennt: Einer hat sich an der Beute bereichert. Gott beauftragt Josua in der Folge, das Los zu verwenden, erst den Stamm, dann die Sippe und schliesslich die Familie des Schuldigen zu finden.

Kollektive Strafe
Im Militärdienst lernt man ziemlich schnell, dass es keine Individuen mehr gibt, sondern nur noch das Kollektiv: Die Gruppe, in der man eingeteilt ist. Einer für alle, Alle für einen. Baut einer Scheisse, müssen's alle ausbaden. Der Fehler eines Einzelnen kann im Ernstfall der ganzen Gruppe das Leben kosten. Man muss sich vorbehaltlos aufeinander verlassen können. 

Das passt wieder zu der These, die ich (und vor allem viele andere) vertreten: Das Volk Israel war zu der Zeit noch jung und zusammen gewürfelt aus verschiedenen kleinen Völkern und Familien. Der Zusammenhalt, das kollektive Bewusstsein wohl nicht immer besonders gross. Es brauchte Geschichten wie diese, um den Leuten einzutrichtern, wie wichtig es ist, dass sich alle auf jeden verlassen können und jeder sein Bestes gibt. Deshalb muss das ganze Volk eine Strafe ertragen, die Gott wegen des Fehlverhaltens eines Einzelnen erlässt. 

Geheimniskrämerei
Laut der Erzählung weiss Gott offenbar, dass einer gegen seine Weisung verstossen und sich persönlich bereichert hat. Einerseits würde er sonst ja keine Strafe erlassen bzw. Josua nicht ausdrücklich auf dieses Fehlverhalten aufmerksam machen. Warum aber sagt er Josua dann nicht einfach, wer der Schuldige ist und befiehlt stattdessen den mirakulösen und undurchsichtigen Weg über die Lose?

Was wahrscheinlicher ist
Ich persönlich glaube eher, dass es aufgrund der Vorstellung der Israeliten, dass jeder Segen auf Gehorsam und jeder Fluch auf Ungehorsam schliessen lässt, gar nicht anders sein konnte, als dass jemand einen Fehler gemacht hat. Und daraus wiederum liess sich schliessen, dass der Schuldige gefunden und bestraft werden musste. So war es bisher immer, egal, ob von Gott persönlich oder von Moses angeordnet. Doch wie findet man einen Schuldigen, wenn sich dieser nicht freiwillig meldet? 

So kam man eben auf die "göttlichen Lose", die nach dem Glauben der Allgemeinheit nicht irren konnten. So wurde, wie es angeblich Gott beauftragte, erst der Stamm, dann die Sippe und schliesslich die Familie des Schuldigen ermittelt. Ob der arme Achan wirklich Dreck am Stecken hatte, darf bezweifelt werden. Zwar berichtet das Buch Josua weiter, dass man die Beute da fand, wie es Achan beschrieb. Aber die Abläufe kann man als Autor auch ändern, wenn es angebracht ist. 

Doch selbst wenn es korrekt war, dass Achan sich etwas vom Reichtum Jerichos beiseite schaffte, kann sich nur ein Fanatiker die Strafe ausdenken, die er sich damit einfing: Wie nicht unüblich in Gottes Umgebung wurde er vom ganzen Volk gesteinigt. Doch auch wenn das schon eine grausame Strafe ist, ging der neue Volksführer noch einen Schritt weiter und liess auf gleiche Weise die ganze Familie mitsamt Kindern (!) umbringen. 

Lange wurden Moses Ratschläge nicht eingehalten. Erst in 5. Mose 24, 14 hiess es noch:

Eltern sollen nicht für die Verbrechen ihrer Kinder hingerichtet werden und Kinder nicht für die Schuld ihrer Eltern. Jeder soll nur für seine eigene Sünde bestraft werden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen