Donnerstag, 25. Dezember 2014

Erziehung

Beide sind etwas über 60. Und beide sind fromm. Oder geben sich zumindest so. Sie sind ein Ehepaar und haben drei erwachsene Kinder. Sagt man denen dann immer noch Kinder? Egal. Sie sind beide stolz darauf, dass alle ihrer Kinder heute in einer christlichen Kirche aktiv sind. Für sie klar ein Zeichen, dass ihre Erziehung erfolgreich war. Für mich lediglich ein Zeichen dafür, dass ihre Gehirnwäsche funktionierte und die drei (noch) nicht angefangen haben, selber zu denken. Aber auch das ist für das, was ich schreiben will, egal.

Wir kommen auf Erziehung zu sprechen und ich versuche, nicht spöttisch zu klingen als ich frage, ob sie ihre Kinder denn nach biblischen Richtlinien erzogen hätten. Die beiden strahlen. Natürlich hätten sie sich in allem, auch in der Erziehung, nach Möglichkeit an die Richtschnur gehalten, die Gott in seinem Wort gegeben hat.

Ich: "Also habt ihr sie mit dem Stock erzogen?"

Er: "Nein, geschlagen haben wir sie nie."
Sie: "Schlagen ist sicher nicht gut, man muss mit Liebe erziehen."
Ich: "Man kann ja mit Liebe schlagen."
Beide lachen. Das Gespräch wird unterbrochen und versandet.

Ich flüstere ihr noch zu, dass das so in der Bibel stünde, dass man seine Kinder - wenn man sie liebt - mit der Rute züchtigen soll. Und dass Söhne, die auch dann noch nicht gehorchen, ruhig auch mal gesteinigt werden könnten. Ihr fallen fast die Augen aus dem Gesicht. Ich muss mir ein Lachen verkneifen.

Sie: "Echt jetzt?"
Ich: "Ja, ich kann ihnen den Vers schicken."
Sie: "Ok, so genau habe ich die Bibel halt nicht gelesen."

Da haben wir den springenden Punkt. Ich kann mir mittlerweile einfach nicht mehr vorstellen, dass jemand die ganze Bibel lesen und trotzdem noch vom christlichen Glauben überzeugt oder auch nur angetan sein kann. Das lässt vermuten, dass viele (die meisten?) Christen, die Bibel gar nie von vorne bis hinten gelesen haben. Und wenn doch, dann wohl mit Hilfe einer (christlichen) Lesehilfe, die es geschickt verstand, von den Widersprüchen und der allgegenwärtigen Gewalt gegen Unschuldige abzulenken.

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