Freitag, 5. Dezember 2014

Sehnlichst gewünscht, dann wieder weggegeben

Nicht zum ersten Mal begegnet uns eine kinderlose, offenbar unfruchtbare Frau. Diesmal heisst sie Hanna. Sie flehte zu Gott:

Wenn du Erbarmen mit mir hast und mich nicht vergisst, sondern mir einen Sohn schenkst, will ich ihn dir zurückgeben. Sein ganzes Leben soll dann dir, Herr, gehören. Als Zeichen dafür werde ich ihm nie die Haare schneiden.«
1. Samuel 1, 11

Haare schneiden? Hatten wir das nicht schon bei Simson? Das war damals ein Zeichen des Nasiräertums, der Gottgeweihten. Mit übernatürlicher Kraft hatte das nichts zu tun. Auch nicht bei Simson. Aber bleiben wir bei Samuel.

Dem armen Jungen wurde leider mit diesem Gelübde der verzweifelten Mutter jegliches Recht auf Selbstbestimmung genommen. Ungefragt wird über seine Zukunft, seine Kindheit, sein Leben bestimmt. Wie traurig.

Natürlich (vermute ich zumindest) wird uns die weitere Geschichte wie schon in anderen Fällen zeigen, dass das im Endeffekt nicht negativ, sondern gar positiv für das betroffene Kind war. Die Tatsache bleibt aber bestehen: Das Kind wurde von Beginn an fremdbestimmt, obschon es selber mit dem mütterlichen Gelübde nichts zu tun hatte (ausser das es unverschuldet Bestandteil desselben war).

Weil die Mutter es so Gott versprach, wurde Samuel im zarten Kindesalter wieder von Vater und Mutter getrennt und musste beim Priester Eli aufwachsen. Ob er das wollte, sich von seiner Mutter zu verabschieden und bei einem fremden alten Mann leben? Es darf bezweifelt werden.

Ein Mensch sollte das Recht haben, selber zu bestimmen, was er aus seinem Leben machen möchte. Doch leider war das im Alten Testament selten möglich. Und selbst heute wird es insbesondere in religiösen Kreisen ähnlich gehandhabt wie damals bei Samuel. Zwar müssen die Kleinen nicht gerade bei fremden Priestern aufwachsen (obwohl es wohl auch das gibt), aber sie werden in ihrer Kindheit so stark mit religiösen Informationen abgefüllt, dass die Betroffenen nicht selten kaum je mehr aus der Kirche, in die sie hineinwuchsen, heraus kommen. Und wenn, dann begleitet sie das "schlechte Gewissen".

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen