Freitag, 6. Februar 2015

Sauls Suizid: Hat er oder hat er doch nicht?

Ich habe es schon mehrfach erwähnt: Wenn man davon ausgeht, dass die Bibel Gottes heiliges Wort sei, dann darf man nach meiner Meinung auch mit einer grösseren Erwartungshaltung an die Lektüre. Dass schon einfachste Ereignisse in widersprüchlichen Versionen erzählt werden, obschon die beiden Erzählungen gerade mal eine dünne Bibelseite trennt, ist nicht gerade vertrauenserweckend.

Es geht um das Lebensende von Saul, wie er auf dem Schlachtfeld stirbt. Die erste Variante finden wir im letzten Kapitel von 1. Samuel. Sie erzählt, dass der Waffenträger, also ein Diener Sauls, sich weigerte, den König zu ermorden und er deshalb zum Suizid gezwungen wurde.

4Da flehte er seinen Waffenträger an: »Zieh dein Schwert, und töte mich! Sonst bringen mich diese unbeschnittenen Heiden um und treiben ihren Spott mit mir.« Doch der Waffenträger weigerte sich. Er wagte es nicht, den König umzubringen. Da nahm Saul selbst sein Schwert und stürzte sich hinein. 5Als der Diener sah, dass sein Herr tot war, ließ auch er sich in sein Schwert fallen und starb zusammen mit dem König. 
1. Sam. 31, 4-5

Blättern wir eine Seite weiter, lesen wir die gleiche Begebenheit, wie sie ein Amalekiter erzählt. Der zufolge erschien selbiger sozusagen aus heiterem Himmel auf dem Schlachtfeld und wurde von dem schwer verwundeten Saul gebeten, ihm den Gnadenstoss zu geben. Der Amalekiter kam dem Wunsch nach, so erzählt er bzw. der Schreiber von 2. Samuel.

7Er drehte sich um, sah mich und rief mir zu, ich solle herkommen. 8Als ich bei ihm war, fragte er: ›Wer bist du?‹ ›Ich bin ein Amalekiter‹, antwortete ich. 9Da bat er mich: ›Komm und töte mich, denn ich bin schwer verwundet und schon ganz schwach, aber immer noch bei vollem Bewusstsein.‹ 10Ich erfüllte ihm seine letzte Bitte: Ich erstach ihn, denn ich wusste ja, dass der Kampf verloren war und Saul sowieso sterben würde. 
2. Sam 1, 7-10

Nun kann man natürlich argumentieren, dass die zweite Version ja lediglich eine Behauptung des Amalekiters war und demnach nicht wahr sein muss und somit auch nicht im Widerspruch zur ersten Schilderung stehen muss. Allerdings hätte der unbekannte Amalekiter dann sehr teuer für seine Lügengeschichte bezahlt. Sie wurde ihm nämlich als Wahrheit abgenommen und man brachte ihn deswegen um.

Doch die Wahrheit war sie vermutlich nicht. In einer Schlacht, in der die wichtigsten Heerführer tot sind und der König schwer verwundet, passiert es wohl eher nicht, dass ein ansonsten unbeteiligter Fremder das Schlachtfeld betritt und den sterbenden König antrifft. Schon gar nicht mehr so einsam, dass dieser Zeit hat auf ein Schwätzchen ("Wer bist du? Kannst du mich bitte töten?"). Viel eher wären gerade eben um den König ganz viele gegnerische Soldaten oder ganz viele eigene Soldaten - je nach Fortschritt der Schlacht. In jedem Fall würde der besagte Fremde wohl kaum genügend nach zu König Saul kommen, um mit ihm zu sprechen oder ihn zu töten. Schon gar nicht wäre er in der Lage, des Königs Krone und Armreif mitgehen zu lassen. Und das tat er laut der Erzählung.

Gab es den Amalekiter gemäss 2. Samuel wirklich? War er einfach lebensmüde oder äusserst dumm? Und woher sollte er Krone und Armreif haben? Fiel David wirklich auf die unglaubwürdige Heldengeschichte herein und musste der Amalekiter deswegen sterben?

Oder waren es schlicht und ergreifend zwei voneinander unabhängige Autoren, die das Ende von König Saul schilderten, halb auf Überlieferungen, halb auf Fantasie gestützt, und rühren die unterschiedlichen Geschehnisse daher?

Wir wissen es nicht. Und werden es vermutlich nie erfahren. Es ist einfach ein Puzzlestück mehr, das ausschaut, als wär's gewaltsam reingedrückt worden, ohne wirklich reinzupassen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen