Samstag, 28. März 2015

Christen sind besser dran?

Vor lauter sprudelnder Worte habe ich gestern einen Teil komplett vergessen. Herr Buchholz kommt nämlich gegen Ende seines Textes zum - seiner Meinung nach - praktischen Nutzen des christlichen Glaubens.

Christen sind nicht bessere Menschen - sie sind nur besser dran - sie haben mehr Ressourcen.

Und, so Buchholz, es seien eben diese Ressourcen, die erfahrbar machen, dass die Botschaft der Bibel funktioniere.

Er zählt in der Folge fünf Punkte auf, die erläutern, wie bzw. wo Christen konkret besser dran wären als - ja, als wer, vermutlich alle anderen halt. Kursiv sind die fünf Punkte im Originalwortlaut.

1. Christen haben sich freiwillig an eine höchste Autorität gebunden und können jetzt (erst dadurch) akzeptable Autorität für andere sein, sie manipulieren nicht mehr. 
Damit steht die Behauptung im Raum, dass Christsein eine Grundvoraussetzung ist, um eine akzeptable Autorität zu sein und nicht zu manipulieren. Das ist schlicht überheblich und als Pauschalbehauptung eigentlich überhaupt nicht ernst zu nehmen. Meinen Sie das wirklich, Herr Buchholz? Der gesamte christliche Glaube beruht auf Manipulation, jahrhundertelang hat die Kirche die Masse der Gläubigen an der Nase herum geführt. Und sie tut das heute noch. Das Christentum ist eine der grössten Manipulationen überhaupt. Wer sich einem imaginären Wesen, für das genau so viele Beweise existieren wie für das Einhorn, und dann noch meint, er wäre gerade deswegen eine akzeptablere Autorität als Andersgläubige, ist in meinen Augen schlicht und ergreifend nicht glaubwürdig.

2. Christen ist ihre persönliche Schuld vergeben worden, sie haben dadurch echten, persönlichen Frieden gefunden. Sie können deshalb produktiver sein und brauchen sich nicht mehr so intensiv mit sich selbst zu beschäftigen. 
Wer zufrieden ist, mag produktiver sein. Aber auch hier wieder diese verallgemeinernde Unterstellung, dass sich Nichtchristen intensiv mit sich selbst beschäftigen und nicht weniger produktiv seien als Christen. Ob sich jemand am Arbeitsplatz einsetzt für denjenigen, der ihm den Lohn zahlt, oder nicht, ist eine Frage der persönlichen Haltung und nicht einer Vergebung durch ein Fabelwesen. Wenn Herr Buchholz das anders erlebt hat, dann hatte er einfach eine schlechte HR-Abteilung und die falschen Leute eingestellt.

3. Christen können sich persönlich als wertvoll akzeptieren und brauchen sich nicht mehr laufend selbst vor anderen zu beweisen. Sie können Kritik annehmen, ohne zurück zu schlagen. 
Da kann ich nur lachen. Die grössten Selbstdarsteller habe ich in Kirchen gesehen. Und das ohne Ausnahme. Ob ein Team funktioniert oder nicht hängt wiederum von der richtigen Besetzung der Positionen ab. Wenn jeder möglichst seinen Fähigkeiten entsprechend eingesetzt wird und jeder andere sich dessen bewusst ist, dann funktioniert's in aller Regel. Auf alle Fälle ist es nicht davon abhängig, ob jemand Christ ist oder nicht. Und wenn Herr Buchholz zwischen den beiden Begriffen "Kritik" und "Zurückschlagen" einen Zusammenhang sieht, dann wird er dafür seine Gründe haben. Aber wenn jemand wegen Kritik zurück schlägt, hat meist derjenige, der kritisiert, einen Fehler gemacht.

4. Christen wurden befähigt zu wahrer Nächstenliebe und haben erst dadurch Zugang zur wichtigsten Befähigung der Menschenführung gefunden. Liebe gibt immer mehr Führungsenergie. 
Liebe halte ich für ein gar seltsames Wort für die Geschäftswelt. Respekt, Anstand, Fairness einander gegenüber finde ich da angebrachter. Mir ist jedenfalls ein Vorgesetzter lieber, der mich respektiert und fair behandelt als einer, der mich liebt. Aber dennoch: Gerade die Nächstenliebe wird gerne als Argument ausgepackt, in der Praxis ist es aber häufig nicht so weit damit. Wer Intrigen mag, sollte Kirchen besuchen. Da findet man sie an jeder Ecke. Mir ging es jedenfalls so. Der Autor bleibt im Übrigen den Beweis schuldig, weshalb Christen in besonderer Weise zur Nächstenliebe befähigt wurden. Die Geschichte lehrt uns da etwas anderes.

5. Christen haben keine Zukunftsangst (mehr) und damit mehr Kraft und Energie zur kreativen Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. 
Es ist mir unklar, ob Herr Buchholz mit Zukunftsangst die Furcht vor dem Tod meint oder eher die Sorgen vor dem morgen und den Alltagsproblemen. Natürlich lähmt Furcht. Aber ich wage zu bezweifeln, dass Nichtchristen mehr Furcht vor Tod oder Problemen haben als fromme Menschen. Ich kenne Christen, die todkrank sind. Die haben sehr wohl Angst. Genau so wie Nichtchristen in der gleichen Situation. Auch zu alltäglichen Problemen unterscheiden sich die Ängste von Christen und Ungläubigen nicht wesentlich. Allenfalls kann es vorkommen, dass sich der Christ aufgrund seines Glaubens in trügerischer Sicherheit wiegt und ihn das beruhigt. Zu wissen, dass das, was passiert halt einfach passiert, beruhigt aber auch. Der Glaube an die positive Aussage des Horoskops auch. Und die Überzeugung, dass auf den Märtyrer 72 Jungfrauen warten, genauso. Kurz: Wer Probleme und Grund zur Sorge hat, ist in jedem Fall mehr oder minder abgelenkt vom Arbeiten. Nicht jeder Christ findet da Beruhigung im Glauben, genau so wie nicht jeder Ungläubige einen Weg findet, mit der Angst umzugehen.

Zum letzten Punkt müsste ich noch ergänzen, dass die kreativsten Köpfe, die mir in den letzten Jahrzehnten untergekommen sind, grösstenteils keine Christen waren. Aber es ist natürlich immer auch eine Frage des Blickwinkels. Wenn man die Tatsache, dass die meisten dynamischen Gemeindeleiter und die kreativsten Pastoren Christen waren, als Beweis dafür nimmt, dass das eben typisch christlich sei, dann... na, dann... gute Nacht.


Quelle:
reflexionen - Themen für Menschen in Verantwortung (Nr. 6-2013 / 53. Jahrgang)
"Warum ich Christ bin" - Seite 18 bis 23
Verlag IVCG reflexionen, CH-3001 Bern
www.ivcg.org


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