Mittwoch, 15. April 2015

Hiob

Ich bin heute erschrocken, wie schlecht ich das Buch Hiob kenne. Natürlich, als evangelikaler Christ kennt man die Geschichte in groben Zügen: Gottesfürchtiger Mann wird von Satan versucht, verliert alles, bleibt aber Gott treu und gewinnt am Ende alles doppelt wieder. So weit, so gut. Doch der Hauptteil des Buches Hiob ist nicht der Schilderung dieser Geschichte gewidmet, sondern den anklagenden Reden von Hiobs Freunden sowie seiner Gegenrede. Und die ziehen sich in vier Runden wahnsinnig schleppend voran.

Zum Nachlesen verlinke ich hier mal auf eine etwas kurzweiligere Variante in Reimform. Wer den richtig anstrengenden Bibeltext zu Gemüte führen will, der findet ihn sicherlich problemlos.

Interessant, dass bis hierhin im Alten Testament Satan gerade mal ein, zwei Mal vorgekommen ist und bisher keine wirklich grosse Bedeutung hatte. Hier taucht er aber als Haupt-Nebenfigur auf, als eigentlicher Verursacher dieser Geschichte durch seine Initialisierung einer Wette mit Gott, Hiob vom „rechten Weg“ abbringen zu können.

Offenbar geht der Geschichtenschreiber davon aus, dass Satan freien Zugang zu Gott hat, seine Nähe aufsuchen und mit ihm ein Gespräch führen kann. Die Wette, die er und Gott abschliessen lässt den Leser mehr an einem Stammtisch im Gasthof erinnern als an übernatürliche oder gar göttliche Wesen.

Nachdem ich in den vergangenen Monaten schon mehrmals verwundert war, dass Gottes Gegenspieler, der später der christlichen Kirche so viel Druck auf die Gläubigen verschaffte, noch nicht erfunden war, wundere ich mich jetzt, woher er so plötzlich und ohne Vorwarnung aufgetaucht ist.

Verschiedentlich habe ich gelesen, dass der Begriff Satan in der jüdischen Religion erst nach dem babylonischen Exil auftauchte. Die Religionen im babylonischen Reich waren stark geprägt von diesen Gegensätzlichkeiten wie Gut und Böse. Durchaus denkbar, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass sich da die Religionsoberhäupter der Juden haben inspirieren lassen und in der Rolle des Satans eine willkommene Erklärung für das Böse in der Welt entdeckten.

Jedenfalls ist es so, dass in den ältesten Büchern Alten Testaments keine Rede ist von Satan (wie auch von der Hölle), er aber später immer öfters auftaucht. Ein klarer Hinweis, dass er erfunden wurde, um den Druck auf die Gemeinschaft zu erhöhen. Wenn im Laufe der Zeit das ewige Leben bei Jahwe erfunden wurde - im alten Testament habe ich davon nämlich noch nichts gelesen, so musste natürlich auch eine adäquate Strafe für die Ungläubigen herangeschafft werden. Da kommt die neu entwickelte und später immer mehr ausgebaute Rolle des Satans als Gottes Widersacher im ewigen Kampf um Gut und Böse gerade recht.

Die ganze Geschichte Hiobs basiert auf der veralteten, damals weit verbreiteten Annahme, dass es dem guten Menschen gut, dem schlechten Menschen schlecht gehen musste. Daraus abgeleitet war man der entsprechenden Meinung, dass Krankheit, Leid und Verlust eine Strafe für ein Vergehen sein mussten.

Heute wissen wir, dass ganz so einfach es dann doch wieder nicht ist. Und deshalb ist eigentlich die ganze Hiob-Geschichte schon deklariert als mythologisches Märchen, als Ermahnung, auch in schlechten Zeiten stark im Glauben zu sein. So was muss die religiöse Gemeinschaft wünschen, ja fordern, um auf Dauer bestehen zu können. Denn zu offensichtlich wird es auch Gläubigen Menschen schlecht gehen und es werden Fragen auftauchen, warum jetzt alles schief läuft, wo man doch an Gott glaubt. Wenn Gott nicht für mich sorgt, wozu ist er dann gut?

Mit der Belohnung von Hiob für sein Durchhalten, bei der er alles mehrfach zurück erhält, spannt man den Bogen über die Leidenszeit hin zu einer besseren Zeit danach. Später wurde das dann noch auf die Spitze getrieben, indem man gänzlich auf irdische Vorteile verzichtet und stattdessen ewiges Leben nach dem irdischen Tod versprach. Damit sind alle offenen Fragen, warum es gottesfürchtigen Menschen schlecht und Ungläubigen gut gehen kann, hinfällig geworden. Man hat die endgültigen Vorteile ins Jenseits verschoben und damit den irdischen Argumenten entzogen.

Das zählt sicher als Argument unter Gläubigen. Glaubwürdig ist es aber deswegen noch lange nicht.

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