Samstag, 25. April 2015

Niemand spricht mit mir über den Glauben

Seit Monaten ist meiner Familie und meinem freundschaftlichen Umfeld bekannt, dass ich mich vom christlichen Glauben entfernt und losgesagt habe. Mit vielen Menschen, die ich früher hauptsächlich am Sonntag in der Kirche traf, hatte ich seither natürlich keinen Kontakt mehr. Einige meiner engeren Freunde stammen aber auch aus diesem Umfeld und mit denen treffe ich mich nach wie vor regelmässig. Richtige Freundschaften definieren sich halt auch nicht (nur) über den religiösen Glauben.

Interessant finde ich aber, dass in den vergangenen Monaten der Glaube nie ein Thema war. Mit zwei Personen diskutiere ich immer wieder darüber, mit der grossen Mehrheit aber gar nie. Und dies obschon es sich manchmal fast aufdrängte, die Sache zu thematisieren. Es scheint mir dann aber jeweils, als bewusst ein Bogen um dieses Thema gemacht würde. Ich sehe dafür drei mögliche Gründe.

1. Gleichgültigkeit
Vielleicht ist es den Personen schlicht egal, ob und was ich glaube. Gerade als Christ, der ja "weiss", dass alle Ungläubigen in der Hölle landen, sollte einem das aber nicht egal sein. Vielmehr müsste man doch, wenn man die Sache mit der Hölle wirklich glaubt, alles daran setzen, mich wieder auf den "rechten Weg" zu bringen, nicht? Vermutlich flüchten sich diejenigen, denen die Sache nicht gleichgültig ist, die aber den Mut nicht finden oder den Sinn nicht sehen zu reden, einfach ins Gebet. Der Herr wird's schon richten. Reine Zeitverschwendung, wie ich weiss. Aber so was sieht ein Christ natürlich ganz anders. Nur: Wenn das Gebet was bewirken würde und man alleine damit Menschen wieder oder zum ersten Mal zum Glauben an Jesus Christus führen könnte, dann könnte man sich ja auch die Millionen, die man in die Weltmission steckt, sparen.

2. Fehlende Argumente
Vielleicht fürchten sich die Menschen aber auch schlicht, mit mir ein Gespräch über den Glauben anzufangen, weil sie sich zu wenig sicher fühlen, um zu argumentieren. Denn dass es ein Argumentieren würde, ist abzusehen, wenn man mit jemandem über ein Thema spricht, über das er ganz offensichtlich anderer Meinung ist. Dabei kann Argumentieren ganz schön spannend und mitunter auch unterhaltsam sein. Dann nämlich, wenn beide Seiten sich respektieren und sich für Gedanken des Gegenübers ehrlich interessieren.

3. Eigene Zweifel
Wer regelmässig eine Freikirche besucht und sich vielleicht sogar darin engagiert, hat schnell viele Kontakte und Freunde. Da haben alle eine Sache, die sie verbindet, mögen sie auch sonst noch so inkompatibel sein. Da wird im grossen Ganzen das gepredigt, was einen aufbaut, was man hören möchte. Man fühlt sich kuschlig wohl, eingebettet im sozialen Gefüge, von Worship-Musik eingelullt. Wem da leise (oder auch laute) Zweifel kommen an der Sache, hat es nicht einfach. Mit Skepsis eckt man in einer Kirche in aller Regel an, wird unangenehmerweise zum Gebetsanliegen, wird vielleicht sogar gemieden. Viel einfacher ist es da, seine Zweifel runterzuschlucken und so tun, als ob alles ok wäre. Das fällt keinem auf, führt zu keinen unangenehmen Gesprächen.

Ich persönlich war jahrelang regelmässig in einer Freikirche zu Besuch. In dieser Zeit hatte ich viele Gespräche mit anderen Gläubigen und habe mich sogar in einer kleinen Gruppe eingebracht. Von meinen jahrelangen und rasch wachsenden Zweifeln hat nie jemand etwas bemerkt. Ich hätte noch jahrzehntelang mitmachen, die wohlige Wärme geniessen können und das Abendmahl kommentarlos nehmen können.

Für mich war es wichtig, dass ich mich meinen Zweifeln einmal gestellt habe und versuchte, der Sache auf den Grund zu gehen. Das wäre für jeden anderen auch wichtig. Nur kostet es Zeit und Arbeit. Und es braucht letztlich doch auch ein wenig Mumm, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Ein Gespräch mit einem "Ungläubigen" erhöht die Gefahr, dass es zu diesen im ersten Moment unangenehm anmutenden Schritten kommt. Deshalb glaube ich, dass es keiner zugibt, aber viele genau deswegen ein Gespräch mit mir oder anderen Atheisten scheuen.

Vielleicht gibt es noch weitere Gründe. Mir fallen nach einigem Überlegen aber erst mal diese ein.

Was denken meine Leser zu dieser Sache?

Kommentare:

  1. Ach ja, ein weiterer Grund könnte sein, daß sich inzwischen rumgesprochen hat, daß Atheisten meist wesentlich bibelfester bzw "glaubenstechnisch" weitaus beschlagener sind als der gewöhnliche Feld-Wald-Wiesen-Christ (wenn nicht gar wischi-Waschi). Das ist anstrengend und unbefriedigend.

    Ist bei mir übrigens nicht anders (kath):
    Ich war noch mit 21 gelegentlich Ministrant, habe etliche Seminare, Exerzitien u.ä. mitgemacht bis hin zum Wunsch, Theologie zu studieren und Priester zu werden (aber nicht allzulang). Es wurde dann ein nat.wiss. Studium - und aufgrund div. Vorkommnisse in der rkK bin ich dann ausgetreten (mit ~31).
    Erst einige Jahre später wurde ich dann aus eigenem Antrieb und nach Lektüre div. kirchen- und religionskritischer Literatur zum sog. "militanten Atheisten", wozu ich mich auch bekenne. Allerdings militant nur in dem Sinn, als ich die jahrhundertealten Sprachtabus (sowas sagt man nicht!) einfach durchbreche und Tacheles rede.

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  2. Deine Geschichte klingt interessant. Danke, dass du da einen Einblick gegeben hast. Mich ärgert, dass ich mich erst mit fast 40 bequemte, konsequent zu werden und den Glauben nicht nur innerlich, sondern auch offiziell abzuwerfen.


    Deine Vermutung, dass fehlende Argumente bzw. Bibelkenntnisse ein Hinderungsgrund für Diskussionen sein könnte, teile ich voll und ganz. Ich selber lese die Bibel häufiger und genauer seit ich Atheist bin als je zuvor. Nicht umsonst erlebte ich immer wieder, dass eine der ersten Reaktionen nach Bekanntgabe meiner zum Atheismus veränderten Einstellung die Frage war: "Du glaubst also, dass der Mensch vom Affen abstammt?"


    Als ob es genau zwei Möglichkeiten gäbe: Abstammung vom Affen oder biblischer Glaube. Und vor allem als ob dies der einzige oder zumindest entscheidende Punkt wäre, an Gott zu glauben. Damit man nicht vom Affen abstammen muss?

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  3. Ich komme aus dem freikirchlichen Umfeld. Da sind die staatlich festgehaltenen Vorteile gegenüber anderen Vereinen kein Argument. Natürlich gibt's Steuervorteile oder -befreiung bei gemeinnützigen Arbeiten. Und natürlich wissen die Freikirchen, dass man das auch etwas flexibler auslegen kann (solange die Steuerbehörde keine Revision macht). Aber alles in allem sind das keine Vorteile gegenüber anderen Vereinen, die ebenfalls "gemeinnützige" Aktivitäten durchführen.


    Aber bei den grossen Beiden (oder drei, vier?) ist das sicherlich auch von Relevanz.

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  4. "Mich ärgert, dass ich mich erst mit fast 40 bequemte, konsequent zu werden"

    Es ist nie zu spät, vernünftig zu werden ;-)

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  5. Hahaha, genau. Das sehe ich natürlich genau so. Aber weisst du, in meinem Kopf wusste ich es schon lange, nur war ich zu faul oder zu ängstlich, der Sache auf den Grund zu gehen.


    Wie auch immer, besser spät als nie. :-)

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  6. Ach, bei dieser Gelegenheit:

    Ich würde mich sehr freuen, wenn Du, hin und wieder und bei passender Gelegenheit (zB Diskussionen mit Evangelikalen) auch beim AMB mit Deinen Kenntnissen teilnehmen würdest (so ähnlich wie Barkai, die immer wieder mal Spezielles aus jüdischer Sicht anbringt) ... mitlesen tust Du ja nach eigenem Bekunden ...

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