Mittwoch, 22. April 2015

Psalm 1: Zu schön, um wahr zu sein

Ich bin bei den Psalmen angelangt. Die Psalmen sind, so verstehe ich das, eine Ansammlung von Gedichten und Liedern. In der heutigen Kirche werden sie zwar nur noch selten gesungen - und wenn, dann in adaptierten Textversionen - und auch nicht als Gedicht vorgetragen, aber in der Zeit ihrer Entstehung dürften sie das gewesen sein. Entstanden sind sie übrigens, so vermutet man, gut fünfhundert Jahren vor Jesus und damit auch vor der neutestamentlichen Zeit. Es ist also zu erwarten, dass Satan, die Hölle und das ewige Leben darin keine Rolle spielen. Denn die wurden meiner Vermutung nach erst später erfunden.

Nun können aber natürlich Liedtexte und Gedichtesammlungen nicht zwingend mit gleichen Massstäben geprüft werden wie Texte, die angeblich historische Fakten wieder geben. In Anbetracht der Tatsache, dass die Psalmen in den heutigen Kirchen, insbesondere Freikirchen, aber gerne als Mutmacher verwendet werden und somit ihrem Inhalt nach auch wahr sein müssten oder zumindest als wahr angenommen werden, erlaube ich mir, auch die Psalmen kritisch zu betrachten.

Der erste Psalm ist schon mal unten durch.

1Glücklich ist, wer nicht lebt wie Menschen, die von Gott nichts wissen wollen. Glücklich ist, wer sich kein Beispiel an denen nimmt, die gegen Gottes Willen verstoßen. Glücklich ist, wer sich fern hält von denen, die über alles Heilige herziehen. 
2Glücklich ist, wer Freude hat am Gesetz des Herrn und darüber nachdenkt — Tag und Nacht. 
3Er ist wie ein Baum, der nah am Wasser steht, der Frucht trägt jedes Jahr und dessen Blätter nie verwelken. Was er sich vornimmt, das gelingt.

Zusammen gefasst: Wer Gottes Willen und sein Gesetz befolgt, der hat es gut und dessen Vorhaben gelingen. Im Umkehrschluss versagen alle die, die dies eben nicht tun?

Darüber zu diskutieren ist wohl unnötig. Die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen atheistische Menschen oder Angehörige anderer Religionen (die müssten da ja auch zu den Gottlosen zählen aus Yahweh-Sicht) hervorragende Dinge zustande bringen. Gleichzeitig sind mir allein aus meiner Freikirchen-Zeit viele Christen bekannt, die nichts auf die Reihe kriegen, als Sozialempfänger leben und Drogen konsumieren. Natürlich weiss das oft nur ein kleiner Kreis Vertrauter. Es kann ja schliesslich nicht sein, dass ein gottesfürchtiger Mensch so viel Scheisse durchlebt.

Vielleicht ist dieser einleitende Teil auch so zu verstehen, dass das damalige Regime einfach alle verfolgte, drangsalierte und einsperrte, die sich der Staatsreligion verschlossen. Dann hätten diese Verse eine ganz andere Bedeutung und es würde wohl auch eine gehörige Portion Wahrheit in ihnen stecken.

4Ganz anders ergeht es allen, denen Gott gleichgültig ist: Sie sind wie dürres Laub, das der Wind verweht. 
5Vor Gottes Gericht können sie nicht bestehen. Weil sie ihn abgelehnt haben, sind sie von seiner Gemeinde ausgeschlossen. 
6Der Herr sorgt für alle, die nach seinem Wort leben. Doch wer sich ihm trotzig verschließt, der läuft in sein Verderben.

Eben gerade, weil die Realität eine andere Sprache spricht, interpretiert der moderne Christ Verse wie diese gerne als "auf die Ewigkeit" bezogen. Doch da muss ich enttäuschen. Die Ewigkeit ist zur der Zeit, in der die Urheberschaft der Psalmen mutmasslich lebte, noch gar nicht erfunden.

Die ganzen Gebote, Gesetze, Weisungen und Regeln beziehen sich im alten Testament auf das Leben innerhalb des Volkes Israel im Hier und Jetzt. Kein Wort von einer Ewigkeit, im Gegenteil. Die Toten gehen ins Totenreich. Punkt. Keine Unterscheidung in gut und böse, einfach ins dunkle Reich der Toten. Die ganzen Vorteile, die ein Leben mit Gott (damals gleich zu setzen mit dem Befolgen der angeblich göttlichen Gebote) mit sich brachte, widerspiegelten sich im Diesseits. Die höchste Belohnung war das Versprechen, dass Gott in der eigenen Mitte wohnte, nicht dass man nach dem Tode bei ihm wohnte.

Wenn man sich wegen dieses Psalms etwas im Jenseits verspricht, dann tut mir das leid. Man hat dann einfach die Zusammenhänge falsch verstanden. Verspricht man sich stattdessen etwas im Diesseits, dann stehen die Chancen vermutlich gut, dass man das im Alltag hier und da erlebt. Dass es abschliessend zutrifft ist dann aber schon eher unwahrscheinlich, beachtet man die Schicksale, die von vielen Christen (wie Nichtchristen) durchlebt werden müssen.

Wer die Verse auf das Hier und Jetzt bezieht und trotzdem anderer Meinung ist als ich, der soll sich doch mal damit versuchen, einem sterbenden Krebskranken oder einem komplett gescheiterten Geschäftsmann zu erklären, wie er den Psalm auf das Diesseits bezogen verstehen darf.

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