Samstag, 30. Mai 2015

David wusste nichts von ewigem Leben

Seit ich als Atheist die Bibel lese, ist sie viel spannender. Einerseits, weil die Texte ständig das beweisen, was ich mir denke, und nicht mehr lauter Fragen aufwerfen, wie früher als Christ. Anderseits aber auch, weil mir immer wieder Dinge auffallen, die ich früher geflissentlich überlesen habe.

So ein Detail ist die Sache mit dem ewigen Leben. Während die heutigen Bibelgläubigen das ewige Leben in der Herrlichkeit oder das ewige Höllenleiden als Kernpunkt ihres Glaubens betrachten, scheint das im Alten Testament (zumindest bis zu den Psalmen) kein wirkliches Thema zu sein. Im Gegenteil: An verschiedenen Stellen wird zwischen Leben und Totenreich unterschieden, was nahe liegt, mussten die Menschen ja auch zu Moses Zeiten sterben.

Wer starb, gelangte nach damaligem Glauben in das Totenreich. Punkt. Was da war oder nicht war, darüber wird an einigen Stellen ansatzweise etwas erzählt, z. B. in Prediger 9,10:

Alles, was du tun kannst, wozu deine Kraft ausreicht, das tu! Denn im Totenreich, wohin auch du gehen wirst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.
Prediger 9,10

Einen Unterschied zwischen dem Totenreich der Gläubigen und der Ungläubigen schien es da aber noch nicht zu geben, sonst hätte es z.B. Mose oder auch König David sicherlich als Droh- und Druckmittel eingesetzt.

Gerade David lässt aufgrund seiner Psalmen aber durch blicken, dass er nichts von einer Ewigkeit bei seinem Gott ahnte:

Rette mich vor dem tödlichen Schwert, bewahre mich vor der wilden Hundemeute! Ich habe doch nur ein Leben!
Psalm 22,21

David wollte nicht sterben. Er wusste, dass er nur ein Leben hatte und danach im Totenreich sein würde. Kein Wort von "hole mich zu dir, erlöse mich von den irdischen Leiden" oder so ähnlich. Ein Thema, das ich sowieso immer wieder erstaunt. Wenn es in der ewigen Herrlichkeit bei Gott so schön sein soll, warum wollen die Christen dann trotzdem nicht auf lebensverlängernde Massnahmen verzichten?

Doch bleiben wir bei David:

Wenn ich tot bin, kann ich dir nicht mehr danken. Wie soll ich dich denn im Totenreich loben?
Psalm 6,6

Würde die These stimmen, dass Gläubige nach ihrem irdischen Ableben in die Herrlichkeit Gottes gelangen, wäre es sehr wohl möglich, ihn "im Totenreich zu loben". David schien das nicht zu wissen, er war realistischer als viele heutige Christen und wusste: Ich habe ein einziges Leben, dann ist Schluss. Entsprechend hing er daran und versuchte mit Argumenten Gott dazu zu bewegen, seines noch nicht auszuknipsen.

Um eines habe ich den Herrn gebeten; das ist alles, was ich will: Solange ich lebe, möchte ich im Hause des Herrn bleiben. Dort will ich erfahren, wie gut der Herr es mit mir meint, still nachdenken im heiligen Zelt.
‭Psalmen‬ ‭27,4

Ist das wirklich alles, was der Psalm-Schreiber will? Solange er lebt im Hause des Herrn sein? Danach nicht mehr? Sieht so ein Gebet oder ein Wunsch von jemandem aus, der auch nur eine Ahnung davon hat, dass es nach dem Tod vielleicht weiter geht? Sicher nicht.

Liest man diese und viele andere Stellen etwas unvoreingenommener, stellt man fest, dass die angeblich von Jesus gepredigten Geschichten von ewiger Herrlichkeit und ewiger Verdammnis im Alten Testament nicht nur noch nicht erwähnt wurden, sondern im Gegenteil der Eindruck ensteht, dass die Menschen damals von anderen "Tatsachen" ausgingen.

Nun wird mir der Gläubige natürlich entgegnen, dass es "etwas" durchaus geben kann, ohne dass die Menschen vor Jesus davon gewusst haben. Damit hat er (der Gläubige) auch recht. Da wir aber in dieser ganzen Religiosität kaum Fakten haben, sind wir auf Indizien angewiesen. Und das hier ist halt ein weiterer (von vielen), der zwar nichts beweist, aber doch mindestens nach Nachdenken anregen könnte, wenn man dazu noch gewillt ist. Im Übrigen gehe ich persönlich davon aus, dass erst die jüdische, später die daraus entstandene christliche Religion ständig weiter wuchs und sich vom einfachen Kriegsgottglauben zum komplexen dreieinigen Gott mit Himmel-und-Hölle-Belohnungssystem entwickelte. Die oben behandelten Punkte stützen diese These und sind für mich ein weiterer kleiner Mosaikstein.

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