Dienstag, 12. Mai 2015

Psalm 22

Ich kann mich erinnern an die Schulzeit, als wir Literatur von Kafka und Konsorten analysieren mussten. Für mich war das stets ein Krampf. Für mich steht das da, was da steht. Vielleicht steckt mehr Psychologie dahinter, vielleicht aber auch nicht. Darüber zu diskutieren mag spannend sein für einige, für mich war es Zeitverschwendung. Was soll ich Zeit investieren, irgendwelche tiefgründigen Botschaften eines Textes aufzudecken, wenn ich noch nicht mal weiss, dass auch tatsächlich welche da sind und der Autor nicht einfach drauf los geschrieben hat?

So ist für mich Psalm 22 einfach mal ein Liedtext, den irgendwer irgendwann geschrieben hat. Man sagt (oder wünscht sich) es wäre König David gewesen, das aber vor allem deshalb, weil es so in der Bibel steht. Es spielt an sich aber keine Rolle, wer der Urheber war. Zumindest wurde die Melodie geklaut, steht da doch, dass der Text zum Lied "Die Hirschkuh der Morgenröte" passe.

Der Psalm weckt natürlich dem einigermassen bibelkundigen Leser die Erinnerung an die Kreuzigung Jesu, der angeblich unmittelbar vor seinem Ableben den Satz "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" gesagt haben soll. Und das ist eben der Satz, mit dem der Texter den 22. Psalm einleitet.

Für Charles Spurgeon und vermutlich viele andere ist Grund genug, den Psalm genauer unter die Lupe zu nehmen. Und tatsächlich, mit etwas Fantasie findet man scheinbar lauter weitere Parallelen zum Kreuzestod von Jesus, weshalb Spurgeon den Psalm 22 kreuzerhand kurzerhand zum Kreuzespsalm ernennt. Und die Textauslegung, die Spurgeon zu eben diesem Psalm abgegeben hat, liest sich schon fast so, als würde er den Psalm 22 als prophetischen Text lesen. Der ursprüngliche Autor, nämlich der Psalmschreiber, rückt dabei völlig in den Hintergrund und seine Auslegung dreht sich nur noch um den Todeskampf und die letzten Stunden von Jesus. Unglaublich, wie weit her man für solche Texterklärungen die Argumente und vermeintlichen Zusammenhänge holen kann. 

Wetten, der Psalm wäre nicht weiter aufgefallen, geschweige denn zum Kreuzespsalm ernannt worden, wäre nicht die einprägsame Einleitung "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" da gestanden? Es stellt sich natürlich die Frage, wie es dazu kommt, dass Jesus später am Kreuz gemäss der Markus- und Matthäus-Evangelien eben diesen Satz am Kreuz gesagt haben soll. Hat der Psalm 22 tatsächlich so was wie eine prophetische Aussage?

Nun, ich würd' mal sagen, es gibt verschiedene Aspekte, die man da in die Überlegungen miteinbeziehen sollte. So gelangt man auch zu verschiedenen Varianten, wie es sich möglicherweise zugetragen hat. Der überzeugte Bibelleser sieht natürlich zuerst oder gar ausschliesslich die Möglichkeit, dass der Psalmschreiber tatsächlich die Kreuzigungsszene vorhergesagt hat. Je fundamentalistischer man im christlichen Glauben aufgewachsen ist, desto unwahrscheinlich zieht man überhaupt eine andere Möglichkeit in Betracht.

Ich für meine Person schätze verschiedene Szenarien gerne nach deren Wahrscheinlichkeit ab. Und in diesem Fall gibt es doch einige Szenarien, die wahrscheinlicher scheinen, als die, dass der Psalmist den Kreuzestod sowie die Umstände und Gedanken Jesus während eben diesem voraus gesagt hätte.

Jesus hat das gar nicht gesagt.
Über Jesus und insbesondere seine Aussagen finden wir ausserhalb der Bibel so gut wie gar nichts. Die vier Evangelien, die hauptsächlich sein Leben als Inhalt haben, wurden Jahrzehnte nach seinem Ableben geschrieben und widersprechen sich teilweise sogar. Bis der erste Evangeliumsschreiber sich hinsetzte und die Geschichte Jesu niederschrieb, gingen vierzig oder mehr Jahre ins Land, in denen man sich die Geschichten oder Fragmente davon mündlich weiter erzählte. Was bei solchen Geschichten rauskommen kann, wissen wir schon von Kinderspielen her.

Die Evangelien-Schreiber hatten also einen Haufen mündlicher Überlieferungen, die sich wie ein Puzzle nahezu nach Belieben zu einer ganzen Geschichte zusammen setzen liessen. Natürlich war man dabei bemüht, ein möglichst stimmiges Bild von Jesus zu schildern. Und weil man ja irgendwie "beweisen" musste, dass Jesus der verheissene Messias war, war es bei dieser Gelegenheit ein Leichtes, den einen oder anderen Link zu den bereits bestehenden Heiligen Schriften zu schaffen.

Lieder wie die Psalmen spielten eine zentrale Rolle in der jüdischen Kultur. Warum nicht ein paar Worte aus einem Psalm Jesus in den Mund legen? Sehr wahrscheinlich haben die Schreiber der Matthäus- und Markus-Evangelien einfach Zitate aus den alten Schriften übernommen und so auch da und dort eine erfüllte Verheissung "erschaffen". Für mich die wahrscheinlichste Variante.

Jesus hat das tatsächlich gesagt
Ich nehme mal an, der Psalm 22 war in dieser oder ähnlicher Form schon Bestandteil der Heiligen Schrift, aus der Jesus ja desöftern gelesen und zitiert haben soll. Dann wäre es in keiner Weise überraschend, wenn Jesus auch zum Zeitpunkt seines Sterbens aus eben dieser Heiligen Schrift zitiert und dabei die einleitenden Verse, die schon damals einprägsam gewesen sein dürften, wiedergibt. Also auch dann, wenn Jesus die Worte tatsächlich gesprochen hätte, wäre es wahrscheinlicher, dass er einfach etwas Bestehendes, Bekanntes zitierte als dass David diese Aussage vorausgesagt hätte.

Schlussfolgerung
Vermutlich war der Psalm als genau das gedacht, was er dem wenig bibelkundigen Leser als erstes erscheint: Ein Jammergesang eines Frommen, dem es zur Zeit dreckig geht und der das nicht so recht einordnen kann. Kein Wunder kann er das nicht, lebte er doch in einer Zeit, in der man der festen Überzeugung war, dass Krankheiten und Unglück Strafen Gottes sind. Zumindest der Psalmenschreiber war sich sicher: Den Gläubigen geht's gut, den Ungläubigen schlecht. Bei so einer Einstellung musste es verständlicherweise verwirrend sein, wenn man auf einmal vom Glück verlassen wird und die Feinde übermächtig werden.

In der Verzweiflung und Ratlosigkeit ist dieser Psalm wohl entstanden. So schliesst der Psalmist, fast schon ironisch, mit einer Aussage, die so völlig dem widerspricht, was er gerade erfährt, aber strotzt vor Zuversicht:

Gott ist treu, auf seine Hilfe ist Verlass!

Die typische Art, die auch heute bei Christen zu beobachten ist, sich einzureden, dass Gott "trotzdem" mächtig ist, einen nicht endgültig hängen lässt und rechtzeitig eingreift. Und wenn die Hilfe dann doch mal - wie so oft in der Menschengeschichte - ausbleibt, so war es sein Wille und hat eine Bedeutung, die "man irgendwann verstehen wird".

Man kann sich immer das aus einem Text lesen, was man will und wie man es gerne hätte. Der Fromme interessiert sich wenig für Wahrscheinlichkeiten, wenn es seinem Glauben widerspricht.

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