Montag, 18. Mai 2015

Psalm 23

Dies ist er, der wohl berühmteste aller Psalmen. Bist du in einer Freikirche aufgewachsen, hast du diese Verse wohl schon hundert Mal gehört ehe du überhaupt selber in der Lage warst, etwas davon wirklich zu verstehen. Bevor man fähig ist, die gehörten oder gelesenen Worte zu analysieren und sich darüber eine eigene Meinung zu bilden, haben einem schon ein Dutzend Menschen "in aller Liebe" erklärt, was man zu verstehen hat.

Tatsächlich habe ich diesen Psalm schon unzählige Male gelesen, gehört, gesungen und gesprochen. Mir darüber Gedanken gemacht, wohl noch nie so richtig bewusst. Nach der Kindheit und vielen Jugendjahren in der Freikirche "weiss man einfach", was die Verse bedeuten, da muss man sich nicht mehr zu viele Gedanken machen.

Natürlich kann man auch hier wieder unglaublich viel hinein interpretieren und verstehen. So kann man sich gerne als Schaf fühlen, das dem "guten Hirten" folgt und sich darauf verlässt, dass der für einen sorgt, einen beschützt und nichts anbrennen lässt. Man kann sich auch voller Schadenfreude oder auch ohne selbige versuchen vorzustellen, wie der Hirte, also Gott, für einen den Tisch deckt mit lauter leckeren Ess- und Trinkwaren, während die eigenen Feinde dabei zu sehen müssen. Wenn man möchte, kann man sich den gedeckten Tisch selbstverständlich auch im übertragenen Sinn ansehen und durch etwas x-beliebiges ersetzen.

Und eines ist im Voraus klar: Je mehr die Christen im "übertragenen Sinne" denken, desto häufiger sehen sie die Aussagen der Bibel bestätigt. Denn wenn "durchs Todestal führen" auch heissen kann, dass man bei der Fahrprüfung einigermassen durch kommt, dann steckt die Welt voller Wunder. Offen bleibt dann höchstens die Frage, weshalb nicht alle Christen das Glück haben, sich jederzeit auf Gottes Support verlassen zu können. Und warum fahren eigentlich nicht nur Christen auf unseren Strassen rum?

So gesehen ist der Psalm 23 in meinen Augen nicht anders als ein beliebiges Liebesliedchen, das ein bisschen von Tatsachen, hauptsächlich aber von Emotionen, Wunschdenken und Hoffnungen handelt.

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