Mittwoch, 3. Juni 2015

Kinder sind eigentlich Atheisten

Kinder kommen ohne Wissen zur Welt. Alles, was sie später ausmacht, haben sie auf eine bestimmte Art gelernt. Und was sie lernen, prägt sie - bewusst und unbewusst.

Weil ein Kind erstmal ohne Vorkenntnisse auskommen muss, nimmt es natürlich alles Gehörte für bare Münze. Woher sollte es auch wissen, dass man nicht immer alles glauben sollte?

Wenn ich meinem Kleinkind also beibringe, dass es den Herd nicht anfassen soll, weil es da heiss ist, dann glaubt es mir dies genau so wie die Aussage, der Weihnachtsmann bringe die Geschenke oder der Storch die Kinder.

Glücklicherweise kommt im Laufe der Zeit die Gabe der Beobachtung zum Zuge. Das Kind beobachtet und checkt unbewusst ab, ob das, was man ihm sagt, mit dem übereinstimmt, was es sieht. Würden wir Erwachsenen also nun ständig die Herdplatte anfassen, kämen dem Kind wohl Zweifel. Weil wir uns aber ebenfalls strikt an die Regel "Herd nicht anfassen" halten, hat das Kind keinen Grund, am Sinn dieser Regel zu zweifeln.

Ich habe kürzlich mit einem Ehepaar gesprochen, das in die Freikirche geht, die ich auch besuchte solange ich Christ war. Wir kamen auf das Thema Kindererziehung und ich erwähnte meine Bedenken wegen der ganzen Indoktrinierung, die die Kinder in der Kirche erleben. Meine Freunde meinten darauf, dass sie ihre Kinder ja auch nicht einer Gehirnwäsche unterziehen würden und sie sich auch selber ein Bild machen könnten.

Ich widersprach dieser Meinung zwar noch, aber wir beendeten das Thema dann als das Essen bereit war.

Heute wurde mir bewusst, wie stark sie falsch liegen in ihrer Meinung. Ihre Kinder lernen, biblische Geschichten als Tatsachenberichte zu sehen, vor dem Essen und zu Bett gehen ein Gebet zu sprechen, sonntags in die Kirche zu gehen und auch im Alltag auf Gott zu "hören" und ihm zu vertrauen.

Wie der Herd-Regel und der Weihnachtsmann-Geschichte haben sie vorerst auch diesbezüglich keinen Grund, anzunehmen, dies würde nicht der Wahrheit entsprechen. Zudem verhalten sich die Eltern selber so, als ob es so wäre. Das bestätigt den Kindern, dass es wohl so ist.

Bei uns zu Hause wird seit langer Zeit nicht mehr gebetet oder gesungen. Meine Kinder kennen das von früher und von den Besuchen bei den Grosseltern. Bei uns wird es nicht mehr praktiziert. Und siehe da, meine Kinder haben nicht etwa angefangen, zu fragen, warum wir nicht mehr beten oder in der Bibel lesen. Im Gegenteil, sie fangen an, während Tischgebeten auf Besuch nicht mehr die Hände zu falten und die Augen zu schliessen, wie sie es mal lernten.

Manchmal - das fiel mir eben heute auf - nutzen sie die Zeit, in der alle anderen scheinbar vertieft und konzentriert sind, um einander zu necken, Grimassen zu reissen und anderswie zu blödeln.

Das tun sie nicht etwa, weil ich damit angefangen habe oder mich selber so verhalte. Sie tun es von sich aus, obschon ich nach wie vor zwar nicht die Hände falte und die Augen schliesse, aber immerhin aus Respekt den anderen gegenüber still sitze, schweige und Blickkontakt vermeide.

Sie tun es also von sich aus. Ich mutmasse, weil sie bei uns zu Hause realisieren, dass die Sache mit Gott vielleicht nicht ganz so ernst und wahr ist, wie man behauptet. Ich lebe das ehrfürchtige Verhalten Gott gegenüber nicht mehr vor und bete nicht mehr. Allein deshalb verhalten sie sich nun auch so, wie es ihnen offenbar wohler ist. Sie haben kein Bedürfnis, Gott für das Essen zu danken. Sie wissen, dass es Mama im Supermarkt kauft, in der Küche kocht und zubereitet. Der Gott im Himmel wird zu dem, was er eigentlich ist: Ein Gebilde, das man sich im Laufe des Lebens erst so richtig erstellen muss. Dieses Gebilde zu konstruieren, dafür sehen sie keinen Grund mehr. Der Papa macht es ja auch nicht.

Für mich ist klar: Kinder sind Atheisten. Bis wir sie zu etwas anderem machen. Und wir Eltern haben eine unheimliche Macht darüber, ob aus unseren Kindern Atheisten, Christen, Moslems oder andere religiöse Anhänger werden. Auch wenn ich meinen Kindern meine religiöse Überzeugung nicht täglich einhämmere, allein durch mein Vorleben sind sie so stark geprägt, dass man dies durchaus als Indoktrinierung betrachten kann.

Die Kinder meiner Freunde haben vorerst gar keine andere Wahl, als Christen zu werden. Meine Freunde sind sich schlicht nicht bewusst, wie stark sie ihre Kids beeinflussen. Sie meinen das nicht böse und sind sich dessen vielleicht auch tatsächlich nicht bewusst. Das ändert aber nichts daran, dass sie es tun.

Kommentare:

  1. "Für mich ist klar: Kinder sind Atheisten."

    Das ist sowas von klar, daß ich mich wundere, wie jemand hier nicht zustimmen kann u/o widerspricht.

    Daß Kinder sich mit magischen Dingen (pyschologisch "Agenten" genannt) herumschlagen, ist kein Indiz für Theismus, sondern dafür, daß sie sich noch relativ wehrlos empfinden und deshalb JEDE Hilfe, und seien es erdachte unsichtbare Freunde, glauben brauchen zu müssen.
    Die legt man aber ab, sobald diese Hilflosigkeit einigermaßen überwunden ist (durch größer- und erwachsener-Werden).


    Religionen aber unterstützen und fördern diese Art von "erlernter Hilflosigkeit" gar in organisierter Form, und (fast) alle machen mit (zusätzlicher Verstärker)


    Aber was schreib ich, das weißt Du ja schon ... (hab ich bei Dir gelesen) ... Ist für Galerie :-)

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  2. ach ja, ich wollte Dich ja auch noch loben für diesen interessanten und gleichzeitig relativ "intimen" Blog, ich stöbere immer wieder mal ... außerdem ist er in meiner rss/atom Liste

    Danke dafür!

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