Mittwoch, 15. Juli 2015

Graue Haare

Graues Haar ist ein würdevoller Schmuck — angemessen für alle, die Gottes Geboten folgen. (‭Sprüche‬ ‭16‬:‭31‬ HFA)

Da bin ich aber beruhigt, dass das, was von meinen Haaren noch übrig ist, ein würdevoller Schmuck sein soll. Mir wär's allerdings noch lieber, der Sprücheklopfer (so nenn' ich den Autor der Sprüchesammlung mal) hätte auch was zur Glatze gesagt. Schliesslich ist sie doch so was wie die Steigerungsform von grauen Haaren, nicht?

Oder ist der Spruch des Autors anders zu verstehen? Dass die grauen Haare eben würdevoll seien, im Vergleich zu gar keinen Haaren? Hatten die Menschen zu Salomos Zeit gar keine Glatzen? Wie haben sie sich gefühlt, glatzköpfig herum zu laufen, wenn doch graue Haare ein würdevoller Schmuck waren? Fühlten sie sich ausgegrenzt?

Wie kommt der Mister Salomo überhaupt auf die Idee, dass ausgerechnet graue Haare ein toller Kopfschmuck wären, und nicht etwa schwarze Haare, die bis ins hohe Alter wachsen und gedeihen? Hatten die Männer etwa damals schon hie und da Komplexe wegen der verblassenden Farbe ihres Kopfhaars? Fragen über Fragen, auf die zumindest an dieser Stelle, keine Antworten geliefert werden.

Vermutlich hatte Salomo selber graues Haar und einen Komplex deswegen. Deshalb hat er einfach mal die Behauptung aufgestellt, dass das etwas Würdevolles wäre. Ein König konnte das damals und alle glaubten ihm. Besser: Sie mussten es ihm glauben, denn Kritik oder Widerspruch dem König gegenüber war dem eigenen Wohl sicher nicht sonderlich dienlich. 

Natürlich muss diesem Spruch, dem wir heute wirklich nichts abgewinnen können, das uns irgendwie weiter bringt, noch eine fromme Floskel angehängt werden. Wie übrigens bei so ziemlich allen Sprüchen in diesem Buch. Scheinbar konnte man es sich nicht leisten, eine Weisheit von sich zu geben, ohne Gott auch noch ins Spiel zu bringen. So ist, sinngemäss, das graue Haar nur denen ein würdevoller Schmuck, die Gottes Gebote befolgen. Allen anderen offenbar nicht. Mussten die dann schleunigst zum Friseur, wenn sie trotzdem graue Haare bekamen? War dann Färben angesagt? Oder eine Glatze schoren? Hat Salomo mit diesem lapidaren Spruch etwa ausdrücken wollen, dass graues Haar ein Hinweis darauf war, dass jemand Gottes Gebote befolgte? 

Gerade weil Gott auch noch ins Spiel gebracht wird, tauchen lauter Fragezeichen auf, wird der Spruch irgendwie unverständlich und löst Kopfschütteln aus. Das hier ist nun ein Beispiel, in der Sprüchesammlung von Salomo gibt es unzählige davon. Tatsächlich sind sogar die meisten Sprüche hier irgendwie noch an Gott gekoppelt und erst deshalb oftmals einfach nur billige Manipulationsversuche. 

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