Samstag, 15. August 2015

Gut, dass Salomo noch nicht alles wusste

Ich habe begriffen, dass Gott die Menschen prüft. Sie sollen erkennen: Nichts unterscheidet sie von den Tieren. Denn auf Mensch und Tier wartet das gleiche Schicksal: Beiden gab Gott das Leben, und beide müssen sterben. Der Mensch hat dem Tier nichts voraus, denn auch er ist vergänglich. Sie alle gehen an denselben Ort — aus dem Staub der Erde sind sie entstanden, und zum Staub der Erde kehren sie zurück. Wer weiß schon, ob der Geist des Menschen wirklich nach oben steigt, der Geist des Tieres aber in die Erde hinabsinkt? So erkannte ich: Ein Mensch kann nichts Besseres tun, als die Früchte seiner Arbeit zu genießen — das ist sein einziger Lohn. Denn niemand kann sagen, was nach dem Tod geschehen wird! (‭Prediger‬ ‭3‬:‭18-22‬ HFA)

Lieber König Salomo

Diese Verse, wie übrigens das ganze Buch Prediger, werden dir zugeschrieben. Deshalb richte ich diese meine Worte auch an dich, obwohl ich ja noch nicht einmal weiss, ob es dich wirklich so gegeben hat. Bei den vielen übertrieben klingenden Lobhudeleien wächst im kritischen Leser schon der Verdacht, dass du vielleicht Märchen- als reale Figur gewesen sein könntest. 

Trotzdem gratuliere ich dir zu diesen Worten (siehe oben). Wenn man Gott daraus entfernt, sind das auch für einen Atheisten wie mich lobenswerte Worte. Rufen sie doch nicht nur in Erinnerung, dass alles endlich ist, sondern auch, dass wir letztlich nichts als etwas weiter entwickelte Tiere sind. Von Evolution hast du damals sicherlich noch nichts gehört, aber keine Sorge, die widerspricht dir auch nicht. Zumindest nicht auf diese wenigen Verse bezogen. Und natürlich ohne den einleitenden Satz, wonach Gott die Menschen prüfe. 

Gemäss der vorwiegend biblischen Überlieferung warst du ein cleveres Kerlchen, mit viel Weisheit und Intelligenz bestückt. Aber bei allem Respekt, hier scheinst du noch kein besonders weit entwickeltes Gefühl für Religiosität entwickelt zu haben. Da kannst du deinen Nachfahren, die viele hundert Jahre nach dir lebten, nicht viel vormachen. 

Denn die wussten sehr wohl, was nach dem Tod geschehen wird. Wobei "wissen" an dieser Stelle natürlich das falsche Wort ist. Sie behaupten einfach, es zu wissen. Und diesem Sinne nach wissen sie auch, ob es nach dem Tod nach "oben" oder "unten" geht. Das, lieber Salomo, unterscheidet übrigens nicht die Tiere vom Menschen, sondern bloss die guten von den bösen Menschen. Die Tiere, da kann ich dich beruhigen, gehen nach aktuellem Wissenstand der Kirche nirgendswohin. Ausser vielleicht gemäss Offenbarung ein paar wenige Lämmer, seltsame Drachen mit sieben Köpfen und andere Monster, von denen es zur Zeit auf der Erde aber keine zu geben scheint. 

Ach, deine Macht wäre wohl noch viel grösser gewesen, wenn du die Druckmittel der moderneren Kirche gehabt hättest. Nicht auszudenken, wie viel Unheil du oder David dann noch im Namen des Herrn und zum Zwecke der Mission angerichtet hätten.   

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