Montag, 10. August 2015

Wie alles begann

Alles hat seine Zeit. Ein Ausspruch, den man auch heute noch hört. Und wohl nur wenig wissen, dass er biblischen Ursprungs ist. Der Prediger-Autor will uns weismachen, dass es unter anderem eine Zeit für Liebe und eine Zeit für Hass gibt, eine Zeit für Krieg und eine für Frieden. Halleluja, auch Hass und Krieg können also gerechtfertigt werden. Ich bin mir an dieser Stelle durchaus bewusst, dass dies die Bibel nicht zum ersten Mal aussagt. Aber während die von Gott verordneten Feldzüge stets spezifische Ereignisse waren, schreibt hier einer ganz lapidar, dass Hass und Krieg halt einfach ihren Platz haben. Übrigens gilt das unter anderem auch für Heilen und Töten. Die Details lassen sich in Prediger 3, 1-8 nachlesen. 

Mir fällt heute aber ein Vers besonders positiv auf: 

Für alles auf der Welt hat Gott schon vorher die rechte Zeit bestimmt. (‭Prediger‬ ‭3‬:‭11‬ HFA)

Warum positiv? Weil der Inhalt dieses Satzes letztlich der Auslöser für mich war, dem christlichen Glauben den Rücken zu kehren. 

Wenn man diesen Teil eines Verses wörtlich und ernst nimmt, dann glaubt man, dass alles, was passiert von Gott vorher bestimmt ist. Das bedeutet aber auch, dass es seinem Willen entspricht, denn warum sollte Gott etwas bestimmen und zulassen, wenn es nicht seinem Willen entspricht?

Vor ein paar Jahren war ich ernsthaft krank. Mein Leben hing an dem berüchtigten seidenen Faden. Das sagte jedenfalls der Chirurg, der mich notfallmässig operierte und dem ich verdanke, dass ich heute noch lebe. 

Damals war ich noch regelmässiger Besucher einer Freikirche. Ich war zwar damals schon zurückhaltend und mehr passiv als aktiv. Aber ich war dabei, man kannte mich. Und, naheliegend, man betete für mich und meine Gesundheit. 

Selbstredend, dass die kirchliche Allgemeinheit es einem Wunder Gottes zuschrieb, als klar wurde, dass ich nicht nur überlebte, sondern auch noch besonders gut geneste. 

Nur dumm, dass mehr oder weniger zur gleichen Zeit zwei weitere Gemeindemitglieder krank waren und beide ihrer Krankheit erlagen. Wie konnte ein positiv verlaufener Fall als Wunder Gottes deklariert werden, während zwei andere trotz ebenso vielen Gebeten negativ verliefen? 

Der gemeine Christ verweist in solchen Fällen jeweils auf den Willen Gottes, auf seinen über unserem Verständnis stehenden Weg. Und genau da wurde ich stutzig. 

Wenn wir die für uns negativen Verläufe Gottes Willen zuschreiben, müssen wir auch die positiven auf gleiche Art begründen. Und umgekehrt: Wenn Gott einen heilen kann, dann hat er das bei anderen offenbar ganz bewusst und willentlich nicht getan. Gebete hin oder her. 

Dass deshalb folglich Gebete völlig überflüssig sein müssen (auch für einen Christen, für den Ungläubigen sind sie es sowieso) um den Verlauf der Ereignisse zu steuern, ist nichts als die logische Konsequenz. Und der Schreiber des Predigerbuches bestätigt mit eben diesem Vers oben diese Ansicht. 

Wenn deine Zeit gekommen ist, musst du gehen. Wenn sie noch nicht gekommen ist, gibt's eine Lösung. So, wie der Herr es geplant und vorher bestimmt hat. Die Gebete kann man sich da schenken. Sie bewirken nachweislich nichts. Denn wenn sie das würden, müssten sie in jedem oder zumindest in der Mehrheit der Fälle wirken. Wenn einmal das eintrifft, wofür man betet, ein andermal jedoch nicht, ist das Glück und Pech, die unbeeinflusst von Gebeten funktionieren. Man sagt dem auch Zufall. 

Wenn man mal so weit ist, sich diese Tatsache einzugestehen, bleibt nur noch eine Frage: Will man ab jetzt weiter auf seinen Verstand setzen und die weiteren Schlüsse ziehen? Oder will man in theologische Argumentationskonstrukte fliehen und sich wie bisher einreden (lassen), Gott wirke, Gott höre, Gott spreche und Gott existiere?

Ich habe mich damals für meinen Verstand entschieden. Und ich gebe zu, dass es Zeit und mitunter auch Mut brauchte, um meinen Glauben aus der Distanz zu beurteilen, meinen Kopf von indoktrinierten Bildern zu befreien und meine eigenen Schlüsse zu ziehen. Das war die Zeit, als ich dieses Weblog startete. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe. 

Jesus mache frei, hat man uns immer gesagt. So richtig frei fühle ich mich aber erst, seit ich auf meinen Verstand setze, mich vom Glauben nach und nach befreite und auch als Kind eingepflanzt erhaltene Ängste abbauen konnte. 


Niemals hätte ich gedacht, dass mir auf diesem Weg die Bibel mehr als jedes andere Buch helfen würde. Man muss sie nur mal mit gewisser Distanz lesen. Sehr befreiend.  

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