Donnerstag, 10. September 2015

Britney Spears in der Bibel

Ich bin in meinem Leseprojekt, währenddem ich noch einmal (wenigstens) die ganze Bibel durchlese, bei dem Hohelied angekommen. Entsprechend meinen bisherigen Gepflogenheiten schreibe ich dabei fortlaufend meine Gedanken nieder. Und zwar dann, wenn ich bestimmte Verse oder Abschnitte lese, und nicht erst dann, wenn ich das ganze Buch durch habe.

Dass dies dazu führen kann, dass ich Aussagen oder Verse aus dem Zusammenhang reissen könnte und werde, bin ich mir durchaus bewusst. Aber damit dürfte mein Zielpublikum, zu dem primär die Christen gehören, kein Problem haben. Sie sind es sich doch gewohnt, dass zusammenhanglose Verse zitiert oder in einer Predigt ausgelegt werden.

Ausserdem müssen wir uns auch immer wieder in Erinnerung rufen, dass die Bibel trotz all ihrer ziemlich offensichtlichen Widersprüchen und Schwächen, den Christen nach wie vor als heiliges Wort Gottes gilt, fehlerlos und zeitlos ist. Wobei ich da natürlich mittlerweile komplett anderer Meinung bin. Zahlreiche Widersprüche, die mir nur schon bis dahin begegnet sind, deuten darauf hin, dass es eben nicht Gottes Wort ist. Und fehlerlos schon grad gar nicht, da das Vorhandenseins auch nur eines einzigen Widerspruchs dieses Prädikat zunicht macht.

Darüber, ob ein Buch, das kein Wort über viele heutige gesellschaftliche Fragen verliert, überhaupt zeitlos sein kann, will ich jetzt mal schon gar nicht streiten. Es ist in meinen Augen genau so zeitlos wie die Märchensammlung der Gebrüder Grimm. Und vermutlich trifft das ganz besonders auf das Hohelied zu. Ein Lovesong der Fünfziger Jahre wird heute auch noch gerne gehört, auch wenn die Verpackung vielleicht nicht grad dem heutigen Stil (musikalisch und textlich) entspricht.

Doch beim Lesen des ersten Kapitels des "hohen Liedes" stellt sich mir schon die Frage, was so ein Text in der Bibel verloren hat. Klar mag der poetische Wert von Interesse und Wert sein, besonders für denjenigen, dem das Lied gewidmet war. Aber mir fällt beim ersten Vers spontan Britney Spears ein, wobei man da auch einen x-beliebigen anderen Namen einer säuselnden Popprinzessin reinschreiben könnte.

Der Text ist so schmalzig und plump, dass er wohl problemlos von einem beliebigen Pop-Sänger aufgegriffen und in eine charttaugliche Ballade verpackt werden könnte. Würde der Inhalt in modernes Englisch verpackt, würde wohl kein einziger merken, dass der Text aus der Bibel kommt.

Schon seltsam: Wenn die Bibel heute entstehen würde, kämen wohl genau solche Pop-Lyrics von Britney, Katy Perry oder Rihanna da rein wo stattdessen das Hohelied steht. Den Menschen, die solche Texte in zweitausend Jahren lesen, wird das genau so viel aussagen wie uns heute der Text des Hoheliedes.

Eine antike Sammlung von Liebeszitaten, mehr nicht.

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