Dienstag, 15. September 2015

Die Gemeinde hat Brüste

Das Hohelied, das zwar fälschlicherweise, aber irgendwie doch auch zu Recht, Hohelied der Liebe genannt wird, endet, wie es begonnen hat: Mit schwulstigen Liebeserklärungen von Unbekannt an Unbekannt. Meine zugegebenermassen oberflächlichen Recherchen ergaben, dass einige Theologen die Urheberschaft Salomo zuschreiben. Aber das glaube ich nicht. Die anderen Sammlungen, die angeblich von Salomo stammen, haben immer eine Art Fazit oder Schluss, der auf den Herrn verwies. Selbst seine halbwegs schlauen Sprüche, die philosophisch betrachtet durchaus eine Diskussion wert wären, enden immer mit einem Hinweis, dass der Herr gross ist, für einen sorgt, und so weiter. Der fehlt beim Hohelied aber komplett, weshalb ich annehme, dass er entweder nicht der Urheber war oder aber zumindest nicht wollte oder erwartete, dass seine Liebesgedichte veröffentlicht werden.

Ich kann mir schwer vorstellen, dass ein König wie Salomo Gedichte veröffentlichte, die nur der Unterhaltung dienten und keinen höheren, letzlich für ihn politisch wichtigen Zweck verfolgten. Ein Verweis auf Gott war damals durchaus politisch von Bedeutung, war die Religion doch wohl eine Art Zusammenhalt der Gesellschaft. Und Könige konnten mit geschicktem Umgang der religiösen Gefühle und Vorstellungen letztlich alles rechtfertigen, was sie taten.

Und selbst wenn sie doch von Salomo kämen - was für mich eigentlich nicht relevant ist - bleibt die Frage, was das Hohelied in der Bibel, angeblich Gottes Wort, verloren hat. Das verstehe ich nicht. Und ich bin damit wohl nicht alleine. Denn scheinbar hat man sich schon bei den frühen Kanonisierungen die Frage gestellt, ob die Sprüchesammlungen, die letztlich zum Hohelied zusammen gefasst wurden, überhaupt in die Bibel gehörten. Offenbar kam man zum Schluss, dass sie das tun. Und darüber dürfen wir uns heute wundern.

Und es scheint, dass sich auch die späteren Bibelausleger etwas wunderten. In der heutigen Zeit ist es zwar kein Problem mehr, etwas offener und fantasievoller über Liebesbeziehungen zu plaudern. Aber z.B. im Mittelalter dürfte man mit der doch ziemlich bildlichen Sprache zum Thema Liebe seine Probleme gehabt haben. Doch irgendwann kamen den Theologen die rettenden Gedanken: Die in mehreren Akten geschilderte Liebesgeschichte im Hohelied könnte doch eine Schilderung der Beziehung zwischen Jesus, dem Messias, und seiner Gemeinde sein. Schliesslich (oder deswegen?) wird Jesu Gemeinde auch an Stellen im Neuen Testament als seine Braut bezeichnet. Das Neue Testament wurde zwar erst später geschrieben, vielleicht nicht zuletzt, um das Hohelied zu rechtfertigen, aber das sind natürlich böse Unterstellungen, würden mir bibeltreue Christen vorwerfen.

Doch die Erklärung, das Hohelied beziehe sich auf die Beziehung zwischen Jesus und seiner Gemeinde will mir einfach nicht so recht gefallen. Denn Gott, der ja, man erinnere sich, als geistiger Urheber der Bibel betrachtet wird, müsste schon eine seltsame Meinung von seiner Gemeide haben, wenn er sie sich mit schönen Brüsten vorstellt. Was hat der für ein Problem?

Deine Brüste sind wie junge Zwillinge einer Gazelle, die auf Blumenwiesen weiden. (‭Das Hohelied‬ ‭4‬:‭5‬ HFA)

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