Freitag, 25. September 2015

Ist Jesaja wirklich ein Prophet (Teil 1)

Die Christen werden nicht müde, die zahlreichen Prophezeiungen der Bibel zu erwähnen, die angeblich in Erfüllung gingen. Und eine davon soll die Vorhersage Jesajas sein, der vermeintlich Jesus Christus, der später als Sohn Gottes bezeichnet wurde, vorhergesagt hat. Und tatsächlich finden sich in Jesaja 9 Hinweise, die auf den ersten Blick so aussehen, als wären sie das. Aber nur auf den ersten Blick. Und nur für denjenigen, der schon weiss, was danach kam und mit genügend gutem Willen das sieht, was er sehen möchte.

Natürlich darf da jeder seine eigenen Massstäbe anwenden. Für mich jedenfalls gehören zu einer sich Prophezeiung ein paar Bedingungen, die erfüllt sein müssen.

a) Die Prophezeiung muss messbar sein. Mit Prophezeiungen verhält es sich meiner Meinung nach ähnlich wie mit Zielvereinbarungen. Erhalte ich als Verkäufer das Ziel aufgebrummt, den Umsatz zu steigern, ist das für mein Dafürhalten kein richtiges Ziel. Denn es ist nicht messbar, da nicht konkret umschrieben. Habe ich das Ziel erreicht, wenn im nächsten Jahr der Umsatz ein Dollar höher ist? Der Umsatz wurde dann doch gesteigert, nicht? Zwar nur um einen Dollar, aber eindeutig gesteigert. Ob das dem Verkaufsleiter genügt und seinen Vorstellungen von Umsatzsteigerung entspricht?

b) Die Prophezeiung muss terminlich definiert sein. Um beim Vergleich mit dem Verkäufer zu bleiben: Reicht es, wenn der Umsatz in drei Jahren etwas höher ist als bisher? Ich habe dann doch auch den Umsatz gesteigert, auch wenn's eine Weile gedauert hat. Der Verkaufsleiter wird aber auch damit nicht glücklich sein und deshalb darauf achten, mit der geforderten Umsatzsteigerung auch einen zeitlichen Bereich festzulegen.

c) Die Prophezeiung muss konkret sein. Wahrsager bleiben gerne vage mit ihren Vorhersagen. Man kann doch eine Prophezeiung im Stile von "Es wird eine Katastrophe geschehen" nicht wirklich ernst nehmen. Selbstverständlich wird jedes Jahr mit nahezu 100%iger Sicherheit irgendwo irgendwie irgendeine Katastrophe geschehen. Für den Hellseher ist es ein Leichtes, je vager seine Prophezeiung ist, sie im Nachhinein einem geschehenen Ereignis zuzuordnen und zu sagen: "Seht ihr, ich habe das vorausgesagt!"

Also schauen wir uns Jesaja 9 mal unter diesen Gesichtspunkten an.

Vers 1 Das Volk, das im Finstern lebt, sieht ein großes Licht; hell strahlt es auf über denen, die ohne Hoffnung sind.

Jesaja bzw. der Schreiber dieses Buches, unterteilt das Volk offensichtlich grob in zwei Gruppierungen: Diejenigen, die Hoffnung haben und diejenigen, die keine haben. Dass die Hoffnungsvoller positiver eingestellt sind als die anderen, ist selbst für mich, der ich kein Psychologe bin, naheliegend. Optimistische Menschen sind angenehmer als Pessimisten, man arbeitet lieber mit ihnen, man unterhält sich lieber mit ihnen und sie erreichen ihre Ziele wohl auch eher als diejenigen, die alles schwarz sehen.

Vers 2 Du, Herr, machst Israel wieder zu einem großen Volk und schenkst ihnen überströmende Freude. Sie sind fröhlich wie nach einer reichen Ernte; sie jubeln wie nach einem Sieg, wenn die Beute verteilt wird.

Der optimistische Schreiber prognostiziert grosse Zeiten für sein Volk. Weil er eben optimistisch zu sein scheint. Und vermutlich weil er aus der Geschichte weiss, dass es Hochs und Tiefs gibt. Jedes Volk hatte gute und schlechte Zeiten, die sich in unvorhersehbaren Intervallen abwechseln. Die Chancen, dass der Prophet damit richtig liegt, stehen nicht schlecht. Aber das ist keine Prophezeiung im eigentlichen Sinn, sondern lediglich eine auf Beobachtung beruhende Hoffnung. Zumal der angeblichen Prophezeiung alle drei oben erwähnten Kriterien fehlen: Keinen Termin, keine konkreten und keine messbaren Aussagen.

Ausserdem schreibt Jesaja so, als würde diese Prophezeiung unmittelbar bevorstehen oder zumindest von den Hörern und Lesern zur damaligen Zeit noch erlebt werden. Wäre jedenfalls unfair, wenn er nicht erwähnt hätte, dass das keiner mehr erleben wird.

Auf jeden Fall hat sich das nach meinem Verständnis bis heute nicht erfüllt. Klar, die Juden dürften gejubelt haben, als sie den neuen Staat Israel im 20. Jahrhundert gründen und ausrufen konnten. Aber das war kein grosses Volk, und schon gar nicht beschenkt mit überströmender Freude. Viel mehr hatten sie gerade die dunkelste Zeit ihrer Geschichte hinter sich und kämpfen bis zum heutigen Tag immer wieder mit ihren Nachbarn. Fröhlichkeit nach einer reichen Ernte sieht für mich anders aus.

Vers 3 So wie du Israel damals aus der Gewalt der Midianiter errettet hast, so befreist du sie dann von der schweren Last der Fremdherrschaft. Du zerbrichst die Peitsche, mit der sie zur Zwangsarbeit getrieben werden.

Der Vergleich mit der Befreiung aus der midianitischen Gewaltherrschaft deutet klar darauf hin, dass Jesaja von einem irdischen König mit Militärmacht spricht. Er spricht von der Aufhebung der Sklavenarbeit, unter der Israel zu jener Zeit offenbar litt. Sollte Jesaja mit dieser Aussage das meinen, was ihm später die Christen unterstellten, hätte er sich wiederum extrem unklar ausgedrückt. Aber das hat er vermutlich nicht beabsichtigt, weil er das Thema Fremdherrschaft und Zwangsarbeit ganz klar ansprach. Das war für Jesaja konkret und eindeutig, auch wenn er die Frage nach dem Wie unbeantwortet lässt. Deshalb muss ich davon ausgehen, dass seine Worte später umgedeutet und missbraucht wurden.

Vers 4 Die Soldatenstiefel, die beim Marschieren so laut dröhnen, und all die blutverschmierten Kampfgewänder werden ins Feuer geworfen und verbrannt.

Hier bestätigt Jesaja das, was ich zu Vers 3 schon schrieb. Keine Kampfstiefel und -gewänder mehr, sie werden entsorgt. Das ist schon ziemlich konkret. Und eindeutig daneben gelegen, denn bis heute sind die militärischen Hilfsmittel wohl das Letzte, was Israel "ins Feuer werfen" würde angesichts der ständigen Konflikte, in denen es ununterbrochen steckt.

Fortsetzung folgt

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen