Sonntag, 27. September 2015

Ist Jesaja wirklich ein Prophet (Teil 2)

Verse 5 + 6 Denn uns ist ein Kind geboren! Ein Sohn ist uns geschenkt! Er wird die Herrschaft übernehmen. Man nennt ihn »Wunderbarer Ratgeber«, »Starker Gott«, »Ewiger Vater«, »Friedensfürst«. Er wird seine Herrschaft weit ausdehnen und dauerhaften Frieden bringen. Wie sein Vorfahre David herrscht er über das Reich, festigt und stützt es, denn er regiert bis in alle Ewigkeit mit Recht und Gerechtigkeit. Der Herr, der allmächtige Gott, sorgt dafür, er verfolgt beharrlich sein Ziel.

Ja, das klingt schon ziemlich nach Weihnachtsgeschichte. Allerdings nur, wenn man den weiteren Verlauf der Entwicklung des Christentums kennt. In Tat und Wahrheit haben jüdische Propheten sicherlich nicht die Vision von einem Retter gehabt, der nebst ihnen auch noch alle anderen Völker errettet. Und sicher erst recht keinen, der den Grundstein für eine komplett neue Religion legt. Das war sicher nicht das, was Jesaja "voraus sah".

Das Pech des Propheten: Wenn man keine messbare, konkrete und zeitlich definierte Prophezeiungen macht, dann stehen den späteren Generationen und "Fans" Tür und Tor offen, um die Worte ganz nach ihrem Wunsch auszulegen.

Natürlich kann man Jesajas Worte in Bezug auf Herrschaft und Frieden so auslegen, dass damit das göttliche Reich und die Ewigkeit im Jenseits gemeint ist. Und natürlich haben die Christen ein Interesse daran, das auch genau so zu machen, stärkt es doch ihre Überzeugung.

Doch wer die Jesaja-Verse aufmerksam liest, muss merken, dass dies wohl nicht die Idee war. Schon der folgende Satz, gemäss dem dieser unbekannte, geheimnisvolle Herrscher "wie sein Vorfahre David" über das Reich herrschen werde, sagt doch schon, dass es hier um einen irdischen König à la David ging. Das Volk Israel war zu jener Zeit offenbar stark unter Druck, naheliegend, dass in einer solchen Situation ein Erlöser herbei gesehnt wird. Aber es sollte ein weltlicher sein, einer, der im Hier und Jetzt von Jesaja oder in seiner nächster Zukunft an die politische Macht kommt und Israel aus der Unterdrückung führt. Einer, der endlich dafür sorgt, dass man die Schwerter zu Pflugscharen umrüsten und die Kriegsmäntel verbrennen kann, wie es in Jesaja an anderen Stellen steht.

Historisch-kritische Forscher und Theologen sehen ohnehin die Urheberschaft dieses Buches nicht allein bei einem Autor. Vielmehr geht man von zwei, drei oder noch mehr Autoren aus, die an diesem Buch gewirkt haben. Und die haben möglicherweise (sprich sehr wahrscheinlich) auch noch zu unterschiedlichen Zeiten gelebt. Das Bild vom grossen Propheten Jesaja, das viele Christen noch heute haben, ist so gesehen also schon mal völlig falsch.

Aber zurück zu den angeblich prophezeiten Ereignissen: Auch wenn die Bücher der Bibel nicht in der Reihenfolge ihrer Entstehung in der Bibel gedruckt sind, so fällt mir dennoch folgendes auf:

a) Noch immer war Yahweh bislang ein Gott der Israeliten, und nur der Israeliten. Er führte durch brutale Kriege, ja, ordnete sie teilweise sogar an und verlangte ausdrücklich genozidähnliches Verhalten von den Israeliten. Jesus hat da aber ganz andere Meinungen gepredigt, zur allgemeinen Versöhnung aufgerufen und sich als Retter aller Menschen hingestellt. Diese Idee der allgemeinen Errettung war bislang für die Juden kein Thema, also sicher auch nicht von Jesaja herbei gewünscht.

b) Schon mehrfach habe ich verwundert festgestellt, dass die Israeliten damals offenbar ganz klar der Meinung und Überzeugung waren, dass nach dem Tod fertig sei. Wer stirbt kommt ins Totenreich, da ist es dunkel, ruhig, sinnlos. Nie ein Wort von ewiger Herrlichkeit bei Gott oder ewiger Verdammnis in der Hölle. Obwohl gerade auch in den Moses-Büchern und Josua besonders stark mit Fluch und Segen, Belohnung und Bestrafung gearbeitet wurde, um die Menschen psychologisch auf Yahweh-Glauben zu trimmen, fehlten diese beiden doch recht starken Zukunftsaussichten komplett. Dabei wäre die Aussicht auf ewiges Leben oder ewige Höllenqual doch sicher gerade damals ein starkes Argument gewesen.

Yahweh und der Glaube an ihn waren aus Sicht der damaligen Juden einerseits also klare Privatsache, nichts für Nicht-Juden, und andererseits ebenso klar die irdische Existenz betreffende Dinge. Gerade diese Tatsachen sprechen meines Erachtens eindeutig dafür, dass Jesaja hier nicht von Jesus, sondern von einem zukünftigen weltlichen König Israels spricht, der ähnlich erfolgreich regieren soll wie die legendäre Figur David.

Und einen Aspekt habe ich jetzt aussen vor gelassen. Denn sind wir mal ehrlich, wenn spätere Schreiber - und die Evangeliumsschreiber lebten viel, viel später - einen Bezug zu ihren späteren Texten entstehen lassen wollten, so war das eine Kleinigkeit. Ich habe mal gelesen, dass bei wundersamen Ereignissen man sich immer zuerst fragen sollte, ob es nicht auch eine ganz wunderlose Erklärung gibt. Und die gibt es bei den angeblichen erfüllten Prophezeiungen ganz klar. Ein Schreiber konnte sich und seinen Texten massiv mehr Glaubwürdigkeit verschaffen, wenn er es schaffte, einen Bezug zu uralten Texten und Prophezeiungen zu schaffen. Zumal sie ein grosses Interesse hatten, den Link von altem zu neuem Testament zu schaffen. Dass die Evangelisten deshalb bewusst "Erfüllungen" alter Prophezeihungen niederschrieben ist deshalb die einfache, wunderlose Erklärung für mindestens diese erfüllte Prophezeihung (die ja eigentlich gar keine ist).

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