Freitag, 30. Oktober 2015

Erträgliche Strafe

Gab der Herr seinem Volk genauso harte Schläge wie ihren Gegnern? Ließ er sie auf dieselbe Weise umkommen wie ihre Feinde, die niedergemetzelt wurden? Nein, Herr, du hast den Israeliten eine erträgliche Strafe auferlegt: Du hast sie aus ihrer Heimat vertrieben, sie weggeblasen wie ein stürmischer Ostwind. (‭Jesaja‬ ‭27‬:‭7-8‬ HFA)

Langsam beginnt mich Jesaja zu nerven. Oder vielmehr die Tatsache, dass er als grosser Prophet angesehen wird. Es gibt zwar zugegebenerweise ein paar Stellen, die sich mit ein wenig Fantasie oder gutem Willen als mögliche in Erfüllung gegangene Prophezeiungen bezeichnen lassen. Aber das in meinen Augen grösste Dilemma der Christen ist das, dass sie nicht müde werden, die positiven Aspekte der Bibel (wie erfüllte Prophezeihungen, so sie denn welche sind, oder sonstige gute Ideen) zu betonen, dabei aber die zahlenmässig mindestens ebenso vielen negativen, mit Gewalt und Hass befleckten oder sonstwie verwerflichen Ansätze verdrängen.

Und selbst wenn Jesaja einige Vorhersagen machte, die ins Blaue trafen (was er meines Erachtens nicht hat), so sind wohl mehr Stellen, die sich als reine Spekulation oder hoffnungsmachende Manipulation entlarven. Und die eingangs erwähnte gehört dazu.

Und zwar in so verheerender Weise, dass es tragisch ist. Denn eben gerade seinem (Gottes) Volk sind die härtesten Strafen widerfahren. Gerade sie sind auf traurigste Weise niedergemetzelt, geplagt und getötet worden während der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Wie zynisch muss das in den Ohren eines Juden klingen: "Nein, Herr, du hast den Israeliten eine erträgliche Strafe auferlegt". Den Holocaust.

Klar, ich höre die frommen Leser geradezu empört und abwehrend aufschreien: "Das bezieht sich doch nicht auf den Holocaust. Das bezieht sich doch lediglich auf die damalige Zeit."

Eben, gerade das ist das Problem: Wenn's zufälligerweise passt, betrifft es spätere - gerne auch neuzeitliche - Ereignisse (wie die Gründung des Staates Israel). Wenn's hingegen nicht passt, dann war das wohl etwas ganz anderes aus alter Zeit. Es kann nicht falsch sein was nicht falsch sein darf. Das, genau das, ist das Dilemma mit dem Christentum und der Bibel.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Eine erfüllte Prophezeiung?

Es kommt die Zeit, da werden die Nachkommen Jakobs wieder in ihrem Land Wurzeln schlagen. Israel wird grünen und blühen und mit seinen Früchten die ganze Erde bedecken. (‭Jesaja‬ ‭27‬:‭6‬ HFA)

Eine erfüllte Prophezeiung. Schliesslich ist tatsächlich in Erfüllung gegangen, was hier im Buch Jesaja steht. So dürften nicht wenige Christen argumentieren und glauben. Die "Nachkommen Jakobs" haben irgendwie tatsächlich wieder im Land Israel Wurzeln geschlagen. Ein später Erfolg Jesajas, der zwar vermutlich nicht meinte, dass es so lange dauern würde, aber wo er Recht hat, hat er Recht.

Wäre da nicht der Hinweis, dass es (Israel) "mit seinen Früchten die ganze Erde bedecken" würde. Denn das ist, wohl selbst von Hardcore-Christen unbestritten, nicht der Fall. Israel mag ein besonderer Fall sein, allein wegen seiner Entstehungsgeschichte in der Neuzeit, aber es ist in Bezug auf die ganze Erde doch recht überschaubar.

Aber die Bibel-Fans werden auch diesen Teilsatz so auslegen, dass damit halt die Früchte gemeint sind, die Israel tatsächlich in nahezu die ganze Welt exportieren mag. Auch wenn dann der Begriff "bedecken" etwas gar hochgestochen wirkt.

Da ist es für den Skeptiker schon eher wahrscheinlich, dass Jesaja mit der "ganzen Erde" eigentlich gar nicht die ganze Erde, sondern lediglich das Gebiet Israel meinte. Was sowieso eher der Wahrheit entsprechen dürfte, denn wer das Alte Testament aufmerksam liest, der stellt fest, dass primär und fast ausschliesslich zu den Juden gesprochen wurde.

Denn der damals noch sehr junge jüdische Glaube war alles andere als weit verbreitet und eigentlich eine exklusive Sache, eben den Juden vorbehalten. Zu einer weltweiten Geschichte wurde das erst mit der Entstehung des Christentums zur römischen Zeit. So haben gemäss verschiedenen Auslegungen zum Beispiel auch die zehn Gebote nicht das allgemeine Leben auf der Erde vorgeschrieben, sondern sich lediglich auf das jüdische Volk bezogen. Damit ist auch verständlich, wie ein Gott, der angeblich das Gebot "Du sollst nicht töten" oder "begehren deines Nächsten Hab und Gut" trotzdem laufend Tötungsbefehle rausgab, die unschuldige Opfer forderte und durch Eroberungsfeldzüge den umliegenden Völkern Hab und Gut beraubte.

Wir kommen zwar vom Thema weg, aber es tut gut, die biblischen Worte mal als das zu sehen, als was sie ursprünglich wohl gedacht waren: Botschaften an die Juden. Und eben nur die Juden.

Dienstag, 20. Oktober 2015

Leviatan

In dieser Zeit wird der Herr mit dem Leviatan abrechnen, diesem schnellen Ungeheuer, das sich windet wie eine Schlange. Gottes mächtiges und scharfes Schwert wird ihn treffen, diesen Meeresdrachen. Der Herr wird ihn töten. (‭Jesaja‬ ‭27‬:‭1‬ HFA)

Eine Art Versprechen, dass dieser Meeresdrachen, vor dem sich offenbar die damaligen Menschen, allen voran wohl die Schiffahrer und Fischer, ernsthaft fürchteten. Gott wird irgendwann kommen, um ihn zu töten und die Menschen vor ihm zu befreien. Ein hoffnungmachender Vers, den Jesaja (oder wer auch immer) hier niederschrieb. Allerdings nur, wenn es so etwas wie den Leviatan, das "schnelle Ungeheuer, das sich windet wie eine Schlange", auch wirklich existiert. Tut es aber nicht.

Also eigentlich kein hoffnungmachender Vers. Wenigstens für den aufgeklärten Menschen nicht, der nicht daran glaubt, dass es so etwas wie Ungeheuer gibt. Man kann zwar einen Wal oder einen etwas gross geratenen Hai als Ungeheuer bezeichnen, aber die winden sich nicht wie eine Schlange. Vielleicht ein Kraken? Aber selbst grosse Kraken sind vielleicht eine Gefahr für einen kleinen Menschen. Aber das sind wilde Bären oder Löwen auch. Sind sie deswegen ein geheimnisvolles Ungeheuer, ein Meerdrachen? Etwas, wovor sich die Menschen scheinbar mehr fürchten als jedem anderen Tier?

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Zombies

Herr, die Toten deines Volkes werden wieder leben, ihre Leichen werden auferstehen! [...] Durch deine belebende Kraft gibt die Erde die Leiber der Verstorbenen zurück. (‭Jesaja‬ ‭26‬:‭19‬ HFA)

Lesen wir da von Zombies? Wer hat's erfunden?

Wen man sich ins Bewusstsein ruft, wie eine Leiche schon nach kurzer Zeit aussieht oder was von ihr nach Monaten noch übrig bleibt, der dürfte sich glücklich schätzen, dass Jesaja da nur fantasiert. Schaut euch nur mal Bilder an von Massengräbern aus gar nicht so langer Zeit.

Ich weiss zwar nicht, wie lange es dauert, bis ein menschlicher Körper verwest ist und nur noch aus einem Skelett (oder später sogar nicht mal mehr aus dem) besteht, aber ich weiss, dass es nur eine Frage der Zeit ist.

Schon deshalb ist das, was Jesja schreibt und was sich die Gläubigen von der Endzeit erhoffen, reiner Quatsch. Wenn die Organismen aufhören zu arbeiten, dauert es nicht lange, und der Körper ist weg. Das war ziemlich einfach, herauszufinden und zu belegen.

Ein Freund (ich nenne alle meine Kontakte Freunde, um sie anonym zu halten) sagte mir mal an einer Beerdigung, er freue sich, dass er seine soeben verstorbene Grossmutter im Himmel wieder sehen werde. Das war mittlerweile vor etwa zehn, fünfzehn Jahren. Ich weiss nicht, ob ich irgendjemanden wieder sehen möchte, nachdem er oder sie mehr als zehn Jahre dem Verwesungsprozess ausgesetzt war.

Samstag, 10. Oktober 2015

Was Jesaja sonst noch sagte

Das Jesaja-Buch liest sich für mich eher schwerfällig. Unzählige Aussagen, manchmal Prophezeihungen mit konkreten Aussagen, manchmal wohl einfach stilvoll ausgeschmückte Fantasien und Träume.

Doch so viel steht fest: Jesaja, oder wer immer der Autor des gleichnamigen Buches war, hat ausschliesslich an sein Volk geschrieben, wenn es um Verheissungen und an die umliegenden Nachbarsvölker, wenn es um Unheilsandrohungen ging. So ziemlich jedes Land in der weiteren Nachbarschaft zu Israel soll laut Jesaja auf die Mütze kriegen.

Das klingt, auch wenn es manchmal ganz konkret und sogar zeitlich eingegrenzt wird, vor allem als Motivationsspritze für ein gebeuteltes, allenfalls noch in babylonischem Exil lebendes Volk. Es soll Mut machen, Optimismus verbreiten und vielleicht ist darin auch die Hoffnung verborgen, das Volk könnte allein deswegen wieder zu alter Stärke zurück finden.

Möglicherweise sind einzelne Verheissungen Jesajas tatsächlich so oder ähnlich eingetroffen. Aber ist es relevant für das, weshalb ich die Bibel unter die Lupe nehme? Nein. Es richtet sich alles ganz eindeutig an das damals lebende Volk der Israeliten, nicht - auch nicht im übertragenen Sinne - an andere Völker oder die Christen des Heutes.

Wer heute daraus irgendwas ableiten will, das irgendwann später in anderem Zusammenhang geschehen sein könnte, der soll das tun. Das lässt sich jedoch mit jedem beliebigen Text tun und ist letztlich nur Selbstbetrug. Ganz nach dem Motto: Es muss so sein, also ist es so. Punkt.

Endzeitstimmung

Die Erde vergeht und verdorrt; die ganze Welt zerfällt, auch die Mächtigen der Erde gehen zugrunde. Die Menschen haben die Erde entweiht, denn sie haben Gottes Gebote und Ordnungen missachtet und so den Bund gebrochen, den er damals für alle Zeiten mit ihnen geschlossen hat. Darum trifft sein Fluch die Erde und zehrt sie aus. Die Menschen müssen ihre gerechte Strafe tragen. Sie schwinden dahin, nur ein kleiner Rest wird überleben. (‭Jesaja‬ ‭24‬:‭4-6‬ HFA)

Viele Christen sehen das möglicherweise als Verheissung, deren Erfüllung noch bevor steht. Immerhin ist die Welt seit Jesaja ja noch nicht vergangen, verdorrt oder zerfallen. Und die Mächtigen dieser Welt stolpern zwar manchmal über einen Skandal, so richtig zugrunde gegangen sind sie als Kollektiv aber nicht. Also vielleicht ein Hinweis auf die schon seit tausenden von Jahren herbei geschworene Endzeit?

Montag, 5. Oktober 2015

Schöne Aussichten

Ja, der Gerichtstag des Herrn kommt! An diesem grausamen Tag lässt der Herr seinem glühenden Zorn freien Lauf, er macht die Erde zu einer Wüste und vernichtet die Sünder. (‭Jesaja‬ ‭13‬:‭9‬ HFA)

Und weiter:

Alle Menschen laufen dann auseinander wie aufgescheuchte Gazellen, wie eine Schafherde ohne Hirten. Jeder versucht, zurück in seine Heimat und zu seinem Volk zu fliehen. Wen man auf der Flucht entdeckt und fasst, der wird mit dem Schwert niedergestochen. Vor ihren Augen wird man ihre Kinder zerschmettern, ihre Häuser plündern und ihre Frauen vergewaltigen. (‭Jesaja‬ ‭13‬:‭14-16‬ HFA)

Na, dann kommt ja alles gut. Jeder wird (einmal mehr genozidähnliches Denken) niedergestochen. Die Kinder werden auf grausame und perverse Art getötet und die Frauen vergewaltigt. Ist das die Art, wie sich Yahweh für sein Volk rächt? Ich meine, das ist ja laut Bibel immerhin der gleiche Gott, der später seinen Sohn auf die Welt schickt und allgemeine Nächstenliebe predigen lässt. Schon merkwürdig, dass aus der gleichen Ecke einmal die Aufforderung kommt, man solle bei einem Schlag ins Gesicht auch die andere Wange hinhalten, aber auch die abartige Verheissung, was mit den Feinden Israels passieren wird?