Dienstag, 20. Oktober 2015

Leviatan

In dieser Zeit wird der Herr mit dem Leviatan abrechnen, diesem schnellen Ungeheuer, das sich windet wie eine Schlange. Gottes mächtiges und scharfes Schwert wird ihn treffen, diesen Meeresdrachen. Der Herr wird ihn töten. (‭Jesaja‬ ‭27‬:‭1‬ HFA)

Eine Art Versprechen, dass dieser Meeresdrachen, vor dem sich offenbar die damaligen Menschen, allen voran wohl die Schiffahrer und Fischer, ernsthaft fürchteten. Gott wird irgendwann kommen, um ihn zu töten und die Menschen vor ihm zu befreien. Ein hoffnungmachender Vers, den Jesaja (oder wer auch immer) hier niederschrieb. Allerdings nur, wenn es so etwas wie den Leviatan, das "schnelle Ungeheuer, das sich windet wie eine Schlange", auch wirklich existiert. Tut es aber nicht.

Also eigentlich kein hoffnungmachender Vers. Wenigstens für den aufgeklärten Menschen nicht, der nicht daran glaubt, dass es so etwas wie Ungeheuer gibt. Man kann zwar einen Wal oder einen etwas gross geratenen Hai als Ungeheuer bezeichnen, aber die winden sich nicht wie eine Schlange. Vielleicht ein Kraken? Aber selbst grosse Kraken sind vielleicht eine Gefahr für einen kleinen Menschen. Aber das sind wilde Bären oder Löwen auch. Sind sie deswegen ein geheimnisvolles Ungeheuer, ein Meerdrachen? Etwas, wovor sich die Menschen scheinbar mehr fürchten als jedem anderen Tier?

Der Leviatan scheint den damaligen Menschen als Meeresdrachen, als Ungeheuer bekannt gewesen zu sein. Und das, obwohl wir wissen, dass es nicht existiert oder existierte? Vielleicht verschwanden immer wieder Schiffe spurlos und man ersann sich wilde Geschichten, weshalb. Ein Meeresungeheuer lieferte in einer wenig aufgeklärten Welt durchaus eine plausible Erklärung dafür.

Die Angst vor diesem Ungeheuer, genannt Leviatan, ist alt. Viel älter als die Schriften von Jesaja. Heute wissen wir dank intensiver Forschung, dass der Glaube an ihn wohl von alten Mythen des babylonischen Reichs und der Kaananiter entstammt. Die Israeliten haben möglicherweise im babylonischen Exil oder auch anderswo davon erfahren. Und mangels besseren Wissens haben sie diese Idee übernommen.

Nach Psalm 104 hat Gott den Leviatan geschaffen, damit er mit ihm "spielen" kann. Spätere Übersetzungen haben das "korrigiert" und schreiben, dass nicht Gott mit dem Leviatan, sondern dieser mit den Schiffen des Meeres spielt. Daher auch meine Vermutung zu der Herkunft, dass man damit das Verschwinden von Schiffen zu erklären versuchte.

Wie auch immer, interessant an diesem Vers und den Hintergründen dazu finde ich eigentlich nur etwas: Die Bibel hat Mythen und Ideen von anderen Kulturen und Religionen übernommen. Und das nicht nur in diesem einzelnen Fall. Wer recherchiert, der findet zahlreiche andere übernommene "Bilder", auch im später entstandenen Neuen Testament, zum Beispiel etliche Wunder von Jesus. Doch dazu komme ich vielleicht später, wenn ich in meinen Bibel-Lese-Projekt so weit bin.

Als Christ sollte man sich aber der Tatsache bewusst sein, dass die Bibel oder das Alte Testament keineswegs der erste Versuch der Menschheit war, die Welt und die Idee eines (oder mehrerer Götter) zu erklären. Schon Hunderte Jahre vorher entstanden mitunter interessante und unterhaltsame Theorien, wie die Welt entstand, was der Sinn des Lebens sein könnte und was in Zukunft mit der Welt passiert.

Die Tatsache, dass die Bibel und der christliche Glauben so weit verbreitet sind, hat nichts mit der Einmaligkeit einer göttlich inspirierten Schrift zu tun. Viel mehr ist es ein Resultat von effizienter Überzeugungsarbeit. Eine Überzeugungsarbeit, die in den entscheidenden Phasen mit kaiserlicher oder königlicher Gewalt und ebenso oft mit dem Schwert erzwungen wurde. Deshalb, und nur deshalb, ist das Christentum heute so weit verbreitet.

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