Sonntag, 15. November 2015

Jeremia politisiert

Ein Prophet zu sein, dem die Menschen nicht zuhören, ist frustrierend. Wer als Prophet oder Prediger arbeitet, ist darauf angewiesen, dass wenigstens ein Teil der Menschen das hören will, was man zu sagen hat. Ansonsten wird es schwierig, sich durchs Leben zu schlagen, genug zu Essen und Trinken zu haben. Das ist noch heute so und war mit Sicherheit auch zur Zeit der biblischen Propheten der Fall.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Propheten so einiges einfallen lassen, um die Gunst der Zuhörer zu erhalten. Zeiten von Krieg, Unterdrückung, Uneinigkeit, Dürren und dergleichen sind da besonders hilfreich. Denn wie jeder Prophet verspricht auch Jeremia den Menschen zahlreiche Vorteile, wenn sie wieder dem "einen" Gott Yahweh nachfolgen und sich von den übrigen Göttern (die übrigens die meisten schon lange vor Yahweh da waren), allen voran Baal, los sagen würden.

Erfolgreiche Schlachten gegen die Feinde steht immer weit oben auf der Liste, aber auch die Wiedervereinigung mit dem "bösen Brudervolk Juda" und erntereiche Zeiten werden gerne prognostiziert. Das klingt natürlich verlockend für ein leidgeplagtes Volk, das wohl wirklich daran glaubt, die negativen Erfahrungen, die es macht, kämen von Gott. Es sorgt für eine wachsende Schar von Nachfolgern und verschafft letztlich dem Propheten selbst mehr Bedeutung, Ansehen und vielleicht auch Macht. Es ist der Prophet selber, der davon am meisten profitiert, wenn Yahweh wieder im religiösen Mittelpunkt steht und die Politik bestimmt. Letzteres tut er ja wiederum durch den Propheten, und nur durch ihn. Der Prophet bestimmt somit bei genügend grosser Anzahl Gläubiger, wo's lang geht, wer König wird und was getan werden soll.

Das Phänomen fiel mir schon bei Moses auf, der wie spätere Propheten völlig willkürlich bestimmen und verlangen konnte, was er wollte, weil Gott es ihm angeblich so auftrug. Als Scharlatan werden solche Personen von kritisch denkenden Menschen bezeichnet. Für die, die glauben, sind sie aber grossartige Propheten oder Gurus.

Nun darf natürlich jeder glauben, was er oder sie will. Aber auch der bibelgläubige Christ darf die heiligen Texte gerne mal ein bisschen kritisch lesen und hinterfragen. Es kommt dann nämlich Erstaunliches zu Tage.

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