Donnerstag, 5. November 2015

Manipulation

Wer in christlichen Kreisen aufwächst, lernt schon als Kleinkind biblische Geschichten. Natürlich so aufbereitet, dass man von den Gräueltaten, die der Herr befahl, verschont bleibt.

Viele Jahre lang läuft das so, man beschäftigt sich automatisch detailierter und intensiver mit der Bibel und ihrem Inhalt. Immer in leicht verdaulichen Häppchen und in sorgfältig ausgewählten Versen und Auslegungen.

Für mich war jahrzehntelang klar: Der christliche Glaube ist einzigartig und vor allem allein richtig. Alle anderen Religionen sind Fehlleitungen.

Was mir aber ebenfalls jahrzehntelang nicht bewusst war: Es gab nachweislich Religionen lange bevor das Alte Testament oder gar das Christentum entstanden. Die Menschen hatten jahrhundertelang ihre Götter, ihre Kulte und eben Religionen. Sie verehrten diese Götter, hatten ihre persönlichen Gründe, an sie zu glauben und meinten wohl auch, sie zu spüren.

Das Judentum als Vorfahre des Christentums ist erst viel, viel später entstanden. Und es hat sich mehr durch Zufall durchgesetzt und ist zu einer Weltreligion geworden.

Das hat man uns natürlich nie gesagt im biblischen Unterricht in der Freikirche. Man hat uns nie erzählt, wie und wann das Christentum wirklich entstand. Und man hat sich nie damit abgemüht, zu erklären, warum alle Religionen vor dem Christentum falsch oder gar schlecht waren.

Man hat uns nie erzählt, warum der christliche Schöpfergott jahrhundertelang nichts von sich hören liess und unzählige Religionskulte duldete um dann ausgerechnet in der Zeit, von der angeblich Mose schildert, aufzutauchen, ein Volk zu erwähnen und zu dem zu werden, was er heute für die Christen ist.

Kein einziger Leiter des biblischen Unterrichts hat uns je verraten, dass sich das Christentum im römischen Reich und später im Mittelalter in Europa primär und vor allem anderen durch Gewalt oder deren Androhung durchzusetzen vermochte.

Und selbstverständlich hat man es tunlichst unterlassen, zu erwähnen, dass durch rein zufällige Ereignisse auch eine x-beliebige andere Religion die heute in Europa dominierende hätte werden können.

Nein, das hat man uns nie gesagt. Viel zu viel wird verschwiegen. Und das Verschweigen von eindeutigen Tatsachen ist gelinde gesagt Manipulation. Und weil damit Kinder manipuliert werden, ist das nach meiner heutigen Sicht extrem verwerflich. Wenn christliche Ehepaare behaupten, ihre Kinder würden nicht indoktriniert, muss ich mein Lachen verkneifen.

Sie bringen sie nur jeden Sonntag, Jahr für Jahr, in die Sonntagsschule und den biblischen Unterricht, beten zu Hause vor jedem Essen und vor dem Schlafen gehen und kaufen ihnen aussschliesslich christliche Hörspiele und Bücher. Aber indoktrinieren, nein, das tun sie natürlich nicht.

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