Freitag, 19. August 2016

Misha Anouk: Goodbye, Jehova!

Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen der Geschichte von Misha und meiner eigenen. Nur wurde Misha in eine Zeugen Jehovas-Familie geboren, während ich in einer freikirchlichen Familie aufwuchs. Der Auto dieses Sektenaussteiger-Buches hat deshalb alles viel extremer erlebt, sowohl was die Regeln, Verbote und Ansichten der Sekte betreffen, als auch die Art, wie er dagegen zu rebellieren begann.

Ich wusste bereits einiges über die Zeugen Jehovas (ZJ). Vieles, das ich über sie hörte, tat ich als übertriebene Gerüchte ab. Nun, Misha Anouk belehrte mich eines Besseren: Selbst die wildesten Geschichten, die ich über die ZJ hörte, scheinen wahr zu sein.

In schonungsloser Ehrlichkeit und Offenheit - auch was seine persönlichsten Gedanken, Empfindungen und Verhalten betrifft - schildert Misha Anouk sein Aufwachsen im behüteten Kreis der Sekte, seine Kämpfe und Krämpfe, seine ersten Zweifel, seinen schliesslichen Ausstieg und die schwierige Zeit, die dann erst kam.

Beim Lesen wurde mir nach und nach bewusst, wie ähnlich die ZJ trotz aller Unterschiede den sogenannten Freikirchen sind. Zwar lehnen Freikirchen in der Regel keine Bluttransfusionen ab, reden auch noch mit "Abtrünigen" und haben keine "oberste Instanz" ausser Gott, der sie bedingungslos gehorsam sein müssen.

Trotzdem habe ich Parallelen entdeckt, deren ich mir nicht bewusst war. Auch ich habe Zeiten erlebt, in denen Heavy Metal als teuflisch verpönt, man vor andersgeschlechtlichen Beziehungen mit Nicht-Christen gewarnt und endzeitliche Predigtreihen an der Tagesordnung waren.

Während die Zeugen Jehovas das seit 100 Jahren unverändert sehen, haben die offenbar liberaleren Freikirchen (jedenfalls die meisten davon) hier einen deutlich spür- und sichtbaren Wandel vollzogen. War es zum Beispiel in meiner Jugend noch undenkbar, dass eine Frau hilft, das Abendmahl zu verteilen, geschweige denn eine Predigt zu halten, so steht in der Kirche meiner Kindheit heute mehrmals im Jahr eine Frau hinter dem Rednerpult. Und die Gruppe, die das Abendmahl verteilt, beinhaltet längst mehrere Frauen.

Wenn man Anouks Buch liest, wundert man sich als Aussenstehender, wie eine Gruppierung wie die Zeugen Jehovas mit ihren in vielen Bereichen absoluten Ansichten in der heutigen Zeit überhaupt noch Zulauf erhalten kann. Aber vermutlich geben klare Leitplanken und Richtlinien den verunsicherten Menschen eine Art Scheinsicherheit und Geborgenheit.

Ich hoffe jedenfalls, dass jeder, der sich überlegt, sich den Zeugen Jehovas anzuschliessen, erst Misha Anouks Buch liest. Wer sich dann immer noch auf die Sekte einlassen will, bitte sehr. Er oder sie weiss dann wenigstens, was ihn oder sie erwartet.

Im Übrigen hoffe ich, dass möglichst viele junge Menschen, die in diese Sekte ungefragt und hilflos hineingeboren wurden, "Goodbye, Jehova" heimlich lesen und - wenn sie wollen - den Ausstieg ebenfalls erfolgreich und ohne bleibende Schäden schaffen.

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